Versöhnung

Predigt über 1. Mose 25 – 33, gehalten am 27.08.17

In der Bibel finden wir oftmals sehr menschliche Geschichten, die uns erzählen, wie die Menschen damals gelebt und was sie gefühlt haben; wir erfahren von ihren Problemen und Fragen, ihren Glücksmomenten und Schicksalsschlägen; wir lesen von Liebe und Hass, Streit und Versöhnung. Und obwohl diese Geschichten jahrtausendealt sind und in einer ganz anderen Kultur spielen, können die Schicksale dieser Menschen uns berühren. Vieles, was die biblischen Menschen erlebt haben, betrifft uns, weil es um zutiefst existenzielle Themen geht, die auch uns heute noch in gleichem Masse beschäftigen.

Ich möchte Ihnen heute die Geschichte von Jakob und Esau erzählen; es ist die Geschichte zweier ungleicher Brüder. Weil diese Geschichte in der Bibel sehr lang ist, kann ich sie hier nur gekürzt und zusammengefasst wiedergeben. Wer sie zuhause nachlesen möchte, was ich sehr empfehle, findet sie im 1. Buch Mose, in den Kapiteln 25-33.

Jakob und Esau sind die Söhne des Isaak und seiner Frau Rebekka. Obwohl sie Zwillinge sind, sind sie doch sehr verschieden. In der Bibel heisst es über sie:

Esau wurde ein Jäger, der am liebsten in der Steppe umherstreifte. Jakob wurde ein häuslicher, ruhiger Mensch, der bei den Zelten blieb.

Ihr Vater, der gerne Wild aß, hatte eine Vorliebe für Esau; Jakob aber war der Liebling der Mutter.

Weil Esau als erster den Mutterleib verlassen hat, ist er der Erstgeborene, mit allen Rechten: Er soll den Segen des Vaters bekommen und Haupterbe werden. Doch der gerissene Jakob schafft es, seinem Bruder dessen Rechte abzuluchsen: Als Esau einmal hungrig von der Jagd heim kommt, bietet Jakob ihn einen Linseneintopf an – gegen den Preis seines Erstgeburtsrechts. Esau, müde und hungrig, geht in einem unbedachten Moment darauf ein. So verliert er seine Rechte als Erstgeborener an Jakob.

Und als der Vater im Sterben liegt, gelingt es Jakob, sich trickreich den Segen des Vaters zu erschleichen. Mit Hilfe der Mutter gibt er sich dem blinden Vater als Esau aus und lässt sich vom Vater segnen. Der Segen beinhaltet Erfolg, fruchtbare Felder und die Herrschaft über seinen Bruder. Als der Betrug auffliegt, kann der Vater seinen Segen an Jakob nicht mehr rückgängig machen. Für Esau bleibt nur noch ein Ersatz-Segen.

Nun ist es für Esau zuviel des Guten. Er schwört auf Rache und droht, seinen Bruder zu töten. Jakob ergreift die Flucht. Bei seinem Onkel Laban, fern von der Heimat findet er Unterschlupf. Der erschlichene Segen des Vaters zeigt hier seine Wirkung: Alles, was Jakob anpackt, gelingt ihm. Die Arbeit im Auftrag seines Onkels trägt Früchte, die Herden Labans wachsen unter Jakobs Obhut rasch.

20 Jahre später ist Jakob ein reicher Mann mit einer grossen Familie. Er hat – wie damals üblich – zwei Frauen, einige Nebenfrauen, zahl­reiche Knechte und Mägde, 12 Söhne und einige Töchter, dazu grosse Her­den. Nun möchte er nicht mehr länger im Dienst seines Onkels stehen, son­dern sein eigener Herr sein. Darum macht er sich mit seiner gesamten Habe auf, in Richtung Heimat.

Es gibt nur eines, wovor er sich fürchtet: Die Rache sei­nes Bruders.

Während Jakob der Heimat entgegenzieht, bereitet er sich gut auf die Begegnung mit Esau vor. In der Bibel wird das so beschrieben:

Dann sandte Jakob Boten voraus zu seinem Bruder Esau.

Sie sollten Esau, seinem Herrn, ausrichten: »Dein ergebener Diener Jakob läßt dir sagen: ‚Ich bin die ganze Zeit über bei Laban gewesen und komme jetzt zurück.

Ich habe reichen Besitz erworben: Rinder, Esel, Schafe und Ziegen, Sklaven und Sklavinnen. Ich lasse es dir, meinem Herrn, melden und bitte, daß du mich freundlich aufnimmst.’«

Die Boten kamen zurück und berichteten Jakob: »Wir haben deinem Bruder Esau die Botschaft ausgerichtet. Er ist schon auf dem Weg zu dir; vierhundert Mann hat er bei sich.«

Als Jakob das hörte, erschrak er. Er verteilte seine Leute und das Vieh und die Kamele auf zwei Karawanen; denn er dachte: Wenn Esau auf die eine trifft und alles niedermetzelt, wird wenigstens die andere gerettet.

Dann stellt Jakob für seinen Bruder ein Geschenk zusammen, das vor ihm her ziehen soll: 200 Ziegen und 200 Schafe, dazu 20 Ziegenböcke und 20 Schafböcke, 30 Kamelstuten mit ihren Jungen, 40 Kühe, 10 Stiere, 20 Eselinnen und 10 Esel.

Den Hirten trägt er auf, Esau auszurichten: ‚Dein ergebener Diener Jakob kommt gleich hinter uns her.’« Er dachte nämlich: Ich will zurückbleiben und ihn erst mit meinen Geschenken günstig stimmen; vielleicht nimmt er mich dann freundlich auf.

Jakob selbst ging an der Spitze des Zuges und warf sich siebenmal auf die Erde, bis er zu seinem Bruder kam. Esau aber lief ihm entgegen, umarmte und küsste ihn. Beide weinten vor Freude.

Esau möchte das Geschenk, das Jakob ihm macht, zuerst nicht annehmen.

»Lieber Bruder«, sagte Esau, »ich habe selbst genug. Behalte es nur!« – »Nein, nein!« sagte Jakob. »Wenn du mir wieder gut bist, musst du mein Geschenk annehmen. Wie man vor Gott tritt, um Gnade zu finden, so bin ich vor dich getreten, und du hast mich freundlich angesehen. Darum nimm mein Geschenk an! Gott hat mir Glück gegeben, ich bin sehr reich geworden.« Jakob drängte seinen Bruder so lange, bis er alles annahm.

Bald trennen sich die Wege der Brüder wieder, aber sie ziehen weiter als Versöhnte.

Soweit die Geschichte dieser beiden Brüder. Schauen wir sie uns noch einmal an:

2 Brüder sind einander verfeindet. Das können wir wohl zu einem Teil auf ihre Verschiedenheiten zurückführen: Esau ist stark. Er benutzt seine Muskelkraft, um im Leben etwas zu erreichen, Jakob ist körperlich eher schwach, ein häuslicher Typ. Esau hat eine starke Beziehung zum Vater, während Jakob der Liebling der Mutter ist. Es herrscht also ein Konkurrenzverhältnis zwischen den beiden Brüdern. Weil Jakob seinem Bruder physisch unterlegen ist, muss er eben mit Cleverness und Köpfchen, ja manchmal auch mit Tricks und nicht ganz sauberen Methoden schauen, dass er zu seinem Recht kommt. So gelingt es ihm, mit Unterstützung der Mutter, seinen Bruder zu überlisten und sich das anzueignen, was eigentlich Esau zukommen sollte.

Esau ist zu Recht wütend auf seinen Bruder. Hat doch der Segen des Vaters an den Bruder ihm all seiner Chancen beraubt. So schwört Esau, seinen Bruder zu töten.

20 Jahre später kommt es zur Konfrontation zwischen den beiden. Jakob weiss, dass er

als der physisch und militärisch Unterlegene gegen seinen Bruder keine Chance hat. Ihm bleibt nur noch die Möglichkeit, durch Unterwürfigkeit Esau gnädig zu stimmen.

Wir könnten vermuten, auch das sei eine List von Jakob. Aber vielleicht hat er in den vergangenen 20 Jahren auch gemerkt, was er seinem Bruder angetan hat. Möglicherweise ist er jetzt reif genug, um seine Untaten ehrlich zu bereuen.

Esau jedenfalls konnte bereits über seinen Schatten springen und seinem Bruder verzeihen.

Die Geschichte von Jakob und Esau ist eine Geschichte von Streit und Versöhnung. Sie ist eine zutiefst menschliche Geschichte, wie sie auch heute in ähnlicher Art immer wieder vorkommen kann.

Sowohl Jakob als auch Esau haben Grösse bewiesen: Jakob, weil er sich nicht scheut, die Überlegenheit Esaus anzuerkennen und sich ihm zu unterwerfen. Esau, weil er die Grösse hat, auf Rache zu verzichten. Nach über 20 Jahren kann er offenbar sagen „Schwamm drüber“.

Beide erkennen nun im Anderen nicht mehr den Gegner, sondern den Bruder. Blut ist dicker als Wasser, und die Zeit hat die Wunden geheilt.

Was lernen wir aus dieser Geschichte?

Wenn Menschen verschieden sind und vor allem auch ungleich behandelt werden, führt das häufig zu Konkurrenz, Neid und Missgunst. Menschen werden durch solche Gefühle entzweit. Dies kann auch bewirken, dass die Unterlegenen unfaire Methoden anwenden, um zu ihrem Recht zu kommen. Dies führt zu Hass und Feindschaft.

Um Vergebung zu bitten und um vergeben zu können braucht es innere Grösse, Standfestigkeit, Mut und auch eine Portion Demut. Es bedeutet, nicht auf sein Recht, auf seinen Standpunkt zu beharren. Und es bedeutet auch: Verletzungen und Zorn über erlittenes Unrecht beiseite stellen zu können, über seinen eigenen Schatten zu springen und sich nicht ewig in das zu verbeissen, was man früher einmal erlitten hat. Denn auch wenn der Zorn verständliche Gründe hat, nimmt er uns etwas von unserer Menschlichkeit. In einem Gedicht von Berthold Brecht heisst es: Auch der Hass gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge, auch der Zorn über das Unrecht macht die Stimme heiser.

Wenn wir hingegen vergeben können, gewinnen wir dadurch wieder etwas von unserem menschlichen Angesicht zurück.

Vergebung ist ja auch ein theologisches Thema. Im Unservater beten wir: Vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Das heisst: Wenn wir bereit sind zur Vergebung, dann können auch wir selber erwarten, dass uns vergeben wird.

Und bei Gott ist es noch besser: Im Evangelium erfahren wir, dass Gott uns bereits im Voraus vergeben hat, bevor wir selber jemandem vergeben oder um Vergebung bitten können.

Gottes Liebe und Barmherzigkeit lassen uns zu Menschen werden, die frei sind, anderen vergeben zu können. So können wir zu einer echten Versöhnung kommen und einen Beitrag leisten zu einer friedlicheren Welt.

Advertisements

Der 100. Name Gottes oder: Ich bin, der ich bin

Diese Predigt wurde anlässlich der Trauung eines christlich-muslimischen Paares gehalten am 17. Juni 2017.

«Er ist Gott, ausser dem es keinen Gott gibt, der über das Unsichtbare und das Offenbare Bescheid weiss.

Er ist der Erbarmer, der Barmherzige. Er ist Gott, ausser dem es keinen Gott gibt, der König, der Heilige, der Inbegriff des Friedens, der Stifter der Sicherheit, der alles fest in der Hand hat, der Mächtige, der Gewaltige, der Stolze, Preis sei Gott!

Er ist erhaben über das, was sie ihm beigesellen. Er ist Gott, der Schöpfer, der Erschaffer, der Bildner. Sein sind die schönsten Namen. Ihn preist, was in den Himmeln und auf der Erde ist. Und Er ist der Mächtige, der Weise.»                                                                         Koransure 59, 22–24

 Liebe X, lieber Y, liebe Hochzeitsgemeinde!

„Sein sind die schönsten Namen“, heisst es in der Koran-Sure, die ich gerade gelesen habe. Und nach einem Hadith sagt der Prophet Mohammed: „Wahrlich, Gott hat neunundneunzig Namen, einen weniger als hundert. Wer sie aufzählt, geht ins Paradies.“

Darum sagt man im Islam, Gott habe 99 Namen. Es sind die Namen Gottes, die im Koran vorkommen. Jeder dieser Namen steht für eine Eigenschaft Gottes. Ein frommer Muslim sollte diese 99 Namen möglichst auswendig lernen, um sie immer wieder aufzählen zu können.

Ich zähle hier nur einige der Gottesnamen auf: Da wäre z.B. ar-Rahim: der Barmherzige; as-Salam: der Frieden. Al-Haliq: Der Schöpfer. Al-Gaffar: der Verzeiher. Al-Rauuf: Der Gnädige. Al-Hakim: Der Weise. An-Nur: Das Licht. Al-Wadud: Der Liebevolle, der alles mit seiner Liebe umfassende.

Man spricht auch von einem hundertsten Namen Gottes. Doch der ist unaussprechbar und den Menschen unbekannt. Er steht für das Grosse, Unbegreifliche an Gott, sein wahres Wesen, das wir als Menschen niemals ganz zu fassen vermögen. Mit den 99 Namen versuchen wir Gott so gut wie möglich zu umschreiben. Wie Gott wirklich ist, werden wir aber niemals ganz begreifen und somit auch nicht aussprechen können.

Im Christentum ist es im Prinzip ganz ähnlich. Auch in der Bibel gibt es zahlreiche Beschreibungen und Eigenschaften für Gott. So wird Gott bezeichnet als der Gnädige, der Barmherzige, der Vergebende, der Liebende, der Grosse, der Allmächtige, der Schöpfer, der Erlöser und vieles mehr. Es gibt auch Vergleiche, mit denen Gott beschrieben wird: So heisst es z.B., Gott sei wie ein Adler, unter dessen Flügel wir Schatten finden, oder wie ein starker Fels, auf den wir bauen können, wie eine tröstende Mutter oder wie ein gütiger Vater – so hat Jesus ihn ja auch bezeichnet.

Doch auch hier gilt: Das eigentliche Wesen Gottes ist für uns unaussprechlich. Es gibt keinen Namen für Gott, der ihn vollständig beschreiben könnte.

Als Gott sich dem Mose in einem brennenden Dornbusch offenbart, fragt Mose: Wie ist dein Name? Gott antwortet: Ich bin, der ich bin.

Er sagt nicht: Ich bin dieser oder jener, ich habe diese und jene Eigenschaften. Sondern Gott ist so, wie er ist. Alles ist in ihm enthalten. Für mich ist dieses „Ich bin der ich bin“ so etwas Ähnliches wie der 100. Name Gottes im Islam: Er beschreibt die Unmöglichkeit, Gott vollständig zu erfassen und mit Worten zu benennen.

Ich denke, sowohl als Christen wie als Muslime ist unsere Aufgabe, dem 100. Namen, dem „Ich bin, der ich bin“ so nah wie möglich zu kommen. Nicht, um ihn in einem Wort zu beschreiben. Sondern zu spüren, zu erfahren, wie Gott ist. Wenn wir mit dieser Frage nach Gott unterwegs sind, dann können wir – vielleicht auch nur ein kleines Stück weit – begreifen, was das „Ich bin, der ich bin“, der 100. Name Gottes bedeuten könnte.

Liebe X lieber Y, ihr beiden seid als Paar damit auf einem gemeinsamen Weg. Wenn ihr Gottes Wahrheit sucht und ihr immer näher kommt, dann ist es zweitrangig, ob dies innerhalb des christlichen oder des islamischen Glaubens geschieht. Die jeweilige Religion ist nur ein Weg, der einem grösseren Ziel dient. Dieses Ziel ist euer gemeinsames.

So wie mit Gott ist es auch mit der Liebe. Auch sie kann man nicht in einem einzigen Begriff treffend erklären. Auch für sie gibt es viele Umschreibungen, auch für sie gibt es viele Namen. Ich möchte euch jetzt einen Bibeltext vorlesen aus dem 1. Korintherbrief:

Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. 2 Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts. 3 Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte und wenn ich meinen Leib dem Feuer übergäbe, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts.

4 Die Liebe ist geduldig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. 5 Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. 6 Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. 7 Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. 8 Die Liebe hört niemals auf.

13 Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe. (1. Kor. 13, 1-8, 13 Einheitsübersetzung)

Hier werden viele Eigenschaften der Liebe aufgelistet. Doch diese Eigenschaften sind nicht einfach von selber da. Sie wollen gelebt werden, und zwar von uns Menschen. Wenn der Text also sagt: Die Liebe ist geduldig und gütig, dann bedeutet das eigentlich: Ein Mensch, der liebt, ist geduldig und gütig. Liebe zeigt sich vor allem an dem, was wir tun und wie wir uns verhalten. Das heisst: Die Liebe will erfüllt und gelebt werden. Liebe ist also etwas sehr aktives, nicht nur etwas, das wir empfinden, sondern eben auch etwas, das wir tun. Gerade für das Zusammenleben in einer Ehe genügt es nicht, nur ein schönes Gefühl füreinander zu haben. Liebe bedeutet, über dieses Gefühl hinaus, die Eigenschaften der Liebe jeden Tag neu miteinander und füreinander zu leben. Wenn ihr nachher einander die Ehe versprecht, ist dies das Versprechen, dass ihr euch bemühen wollt, all das, was Liebe ist und was Liebe sein kann, zu erfüllen.

Die Worte aus dem 1. Korintherbrief sind dabei so etwas wie eine Anleitung zum Lieben. Sie wollen uns dabei helfen, die Liebe wirklich zu leben, und zwar so, dass sie ein ganzes Leben lang anhält.

Lieben heisst also: Geduldig und gütig sein, sich nicht ereifern, nicht prahlen, sich nicht aufblähen. Nicht ungehörig handeln, nicht den eigenen Vorteil suchen, sich nicht zum Zorn reizen lassen, nicht nachtragend sein, sich nicht über das Unrecht freuen, sondern sich an der Wahrheit freuen. Lieben heisst: alles ertragen, alles glauben, alles hoffen, allem standhalten.

Lieben heisst schlussendlich, daran zu glauben, dass die Liebe niemals aufhört. Lieben heisst, dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe im Leben einen grossen Platz einzuräumen.

Und in eurem Fall heisst Liebe sicher auch ganz besonders, Verschiedenheiten zu akzeptieren und zu tolerieren, einander zu vertrauen und Raum zu geben, aufeinander achtzugeben und einander zu unterstützen gerade auch in schwierigen Zeiten.

Genauso wie es darum geht, Gottes 100. Namen, dem „Ich bin der ich bin“ immer näher zu kommen, so geht es auch darum, sich dem Namen der Liebe immer mehr anzunähern.

Liebe X, lieber Y, ich bin fest davon überzeugt, dass ihr beide diesen Weg gemeinsam gehen könnt: Den Weg Gottes und den Weg der Liebe. So wie Gott in euer beider Leben seinen Platz hat, so hat auch die Liebe bei euch gemeinsam ihren Platz. Das ist es, was euch verbindet, das Band, das euch zusammenhält über alle Schwierigkeiten und Verschiedenheiten hinweg. Gott und die Liebe sind die Grössen, die euch durch euer gemeinsames Leben leiten werden. Auch wenn Gott viele Namen, und für euch manchmal auch verschiedene Namen haben mag, vergesst nicht:

Gott ist die Liebe, Gott ist al-Wadud. Das ist es, was euch zusammenhalten wird, an jedem Tag eures gemeinsamen Lebens. Amen.

 

 

Predigt zum Welt-Autismus-Tag

Diese Predigt wurde am 2. April 2017 gehalten. Vorher hat im Gottesdienst ein junger Mann über sein Leben und Empfinden als Autist gesprochen.

Der Körper des Menschen ist einer und besteht doch aus vielen Teilen. Aber all die vielen Teile gehören zusammen und bilden einen unteilbaren Organismus. So ist es auch mit Christus: mit der Gemeinde, die sein Leib ist. Denn wir alle, Juden wie Griechen, Sklaven wie Freie, sind in der Taufe durch denselben Geist in den einen Leib, in Christus, eingegliedert und auch alle mit demselben Geist erfüllt worden.

Ein Körper besteht nicht aus einem einzigen Teil, sondern aus vielen Teilen. Wenn der Fuß erklärt: »Ich gehöre nicht zum Leib, weil ich nicht die Hand bin« – hört er damit auf, ein Teil des Körpers zu sein? Oder wenn das Ohr erklärt: »Ich gehöre nicht zum Leib, weil ich nicht das Auge bin« – hört es damit auf, ein Teil des Körpers zu sein? Wie könnte ein Mensch hören, wenn er nur aus Augen bestünde? Wie könnte er riechen, wenn er nur aus Ohren bestünde?

Nun aber hat Gott im Körper viele Teile geschaffen und hat jedem Teil seinen Platz zugewiesen, so wie er es gewollt hat. Wenn alles nur ein einzelner Teil wäre, wo bliebe da der Leib? Aber nun gibt es viele Teile, und alle gehören zu dem einen Leib.

Das Auge kann nicht zur Hand sagen: »Ich brauche dich nicht!« Und der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: »Ich brauche euch nicht!« Gerade die Teile des Körpers, die schwächer scheinen, sind besonders wichtig.

Gott hat unseren Körper zu einem Ganzen zusammengefügt und hat dafür gesorgt, dass die geringeren Teile besonders geehrt werden. Denn er wollte, dass es keine Uneinigkeit im Körper gibt, sondern jeder Teil sich um den anderen kümmert. Wenn irgendein Teil des Körpers leidet, leiden alle anderen mit. Und wenn irgendein Teil geehrt wird, freuen sich alle anderen mit.

Ihr alle seid zusammen der Leib von Christus, und als Einzelne seid ihr Teile an diesem Leib.  

(1. Korinther 12, 12 – 22, 24a – 27)

Die christliche Gemeinde wird hier mit einem menschlichen Körper verglichen. Ein Körper besteht aus vielen Teilen. Jeder Teil des Körpers ist wichtig und erfüllt seine ganz besonderen Funktionen. Das Auge kann sehen, das Ohr kann hören, die Hand kann greifen, der Fuss kann laufen und so weiter.

Trotz ihrer Verschiedenheit gehören diese Teile doch alle zusammen. Kein Teil kann für sich isoliert existieren. Sie alle zusammen ergeben den lebendigen Organismus, aus dem der Mensch besteht.

Natürlich gibt es auch Menschen, denen etwas fehlt. Auch sie sind selbstverständlich ganze Menschen. Sie haben einfach gelernt, ihre Sinne und Organe anders einzusetzen. Ein Mensch, der keine Hände hat, macht einfach viele Verrichtungen mit den Füssen. Ein Mensch, der blind ist, hat ein feineres Gehör und einen besonders ausgeprägten Tastsinn, mit dem er z.B. lesen kann.

Autistische Menschen haben, wie wir gehört haben, eine andere Wahrnehmung, z.B. was menschliche Gesichter betrifft. Es fällt ihnen schwerer als anderen, aus einem Gesichtsausdruck den Gefühlszustand des Gegenübers abzulesen. Stattdessen haben sie oftmals ausgeprägtere Fähigkeiten auf anderen Gebieten, weil sie sich sehr akribisch auf ein ganz bestimmtes Thema konzentrieren können. Der Autist Daniel Tammet z.B. ist in der Lage, die Zahl Pi bis zu 22 000 Stellen hinter dem Komma auswendig aufzusagen. Andere können das Luftbild einer Stadt aus dem Gedächtnis aufzeichnen. Andere wiederum können sich an jeden Tag ihres Lebens bis ins letzte Detail genau erinnern. Solche Fähigkeiten nehmen das Hirn eines Menschen natürlich sehr in Anspruch, sodass für andere Tätigkeiten weniger Konzentration übrig ist.

Eigentlich trifft das ja auf jeden Menschen zu. Niemand ist in allen Bereichen gleich begabt. Es gibt Menschen, die können gut rechnen, dafür sind sie vielleicht weniger gut in Sprachen. Einige sind musikalisch, dafür z.B. weniger sportlich. Es gibt Menschen mit einem Flair für Theorie und Wissenschaft und es gibt Menschen mit grossen handwerklichen Begabungen. Und natürlich gibt es auch Multitalente, die viele Fähigkeiten gleichzeitig haben.

Was aber allen gemeinsam ist: Alle Menschen sind verschieden. Es gibt niemals zwei Menschen, die miteinander völlig identisch sind, auch nicht eineiige Zwillinge. Jeder Mensch hat seine eigenen Eigenschaften, Interessen, Begabungen und eben auch Schwächen. Und das ist gut so. Was wäre das für eine Welt, in der alle Menschen gleich wären, genau die gleichen Begabungen und auch die gleichen Defizite hätten? Unsere Welt wäre nicht so vielseitig, nicht so bunt und sicher auch nicht so fortschrittlich, wie sie es jetzt ist. Erst mit unseren Verschiedenartigkeiten bilden wir eine lebendige, vielseitige Gemeinschaft, in der wir miteinander leben und voneinander lernen können. Das kann eine Kirchgemeinde sein, eine Firma, eine Gesellschaft, aber auch auf die globale Gemeinschaft der Menschheitsfamilie kann das zutreffen.

Problematisch wird es erst dann, wenn wir anfangen, die verschiedenen Anlagen und Fähigkeiten zu werten. Wenn wir z.B. sagen: Sportlich sein ist besser als musikalisch sein. Rechnen können ist besser als sprachbegabt sein. Wissenschaft ist besser als Handwerk. Die übliche Art, Gesichter wahrzunehmen ist besser als die autistische Wahrnehmung.

Doch unsere Gesellschaft ist nicht ganz wertfrei, viele Vorgänge werden nach gewissen Normen bewertet. Wenn z.B. ein Autist uns beim Gespräch nicht in die Augen schaut, sind wir irritiert oder empfinden dies gar als unhöflich. Warum eigentlich? Weil wir es so gewohnt sind, weil es offiziell als anständig gilt, dass „man“ dies tut. Doch das Leben wäre für Autisten so viel einfacher, wenn es akzeptiert würde, dass es Menschen gibt, denen das schwer fällt, und dass dies nicht aus Unhöflichkeit geschieht. Es bräuchte einfach nur eine Anpassungsleistung unsererseits, anstatt zu erwarten, dass sich Autisten vollständig unserer Welt anpassen müssten.

Und das gilt nicht nur in Bezug auf Autisten. Es geht generell um Menschen, die irgendwie anders sind als die grosse Masse, die andere Fähigkeiten haben, anders ticken, vielleicht auch eine andere Herkunft haben oder mit anderen Voraussetzungen geboren wurden und die nicht so ganz in das Schema unserer Gesellschaft passen. Wir können doch eigentlich alle voneinander lernen, und so können z.B. Autisten unser Herz sein, dort, wo wir vor allem Kopf sind.

Unsere Gesellschaft sollte sich daran messen lassen, ob wir fähig sind, solche Menschen in unserer Mitte aufzunehmen, sie zu akzeptieren wie sie sind und ihnen einen Platz zu geben, an dem sie ihre Fähigkeiten einsetzen können. Die Frage ist, ob es uns gelingt, unsere Welt ein Stück weit so einzurichten, dass auch diese Menschen sich darin wohlfühlen können.

Wenn wir das schaffen, dann kann unsere Gesellschaft sein wie ein Puzzle, das aus verschiedenen Teilen besteht, aber nur als Ganzes ein richtiges Bild ergibt. Oder wie der menschliche Körper, der eben nicht nur aus Augen oder aus Händen besteht, sondern aus den vielfältigsten Teilen, die nur im Zusammenwirken den ganzen Menschen ergeben. Nur so können wir zu einer friedlichen, sozialen Gemeinschaft werden, in der alle Menschen gleichwertig in ihrer Würde geachtet werden und sich je nach ihren Anlagen und Eigenheiten einbringen können.

Das Bild vom menschlichen Körper erzählt uns, wie wir alle zusammengehören, wie wir im Zusammenwirken einen Leib bilden, der als Ganzes funktioniert, ohne dass alle genau gleich sein müssen. Ein Leib, in dem wir einander annehmen in den verschiedenen Spielarten des Menschseins und das Schwere wie das Schöne miteinander teilen, wie Paulus es so schön sagt: Wenn irgendein Teil des Körpers leidet, leiden alle anderen mit. Und wenn irgendein Teil geehrt wird, freuen sich alle anderen mit.

Wir alle gehören zusammen. Wir dürfen verschieden sein. Wir können uns ergänzen, voneinander lernen, einander unterstützen, miteinander leben und feiern. Auf diese Art können wir einander annehmen, so wie Christus uns angenommen hat.

Wer ist dieser?

Predigt am 19.02.17/12.03.17

Und es begab sich, als Jesus allein war und betete und nur seine Jünger bei ihm waren, da fragte er sie und sprach: Wer, sagen die Leute, dass ich sei? Sie antworteten und sprachen: Sie sagen, du seist Johannes der Täufer; einige aber, du seist Elia; andere aber, es sei einer der alten Propheten auferstanden. Er aber sprach zu ihnen: Wer, sagt ihr aber, dass ich sei? Da antwortete Petrus und sprach: Du bist der Christus Gottes! Er aber gebot ihnen, dass sie das niemandem sagen sollten.  (Lk. 9, 18 – 21)

„Wer, sagen die Leute, dass ich sei?“, fragt Jesus seine Jünger. – Für wen halten mich die Leute? – Was glauben die Leute, wer ich bin?

Jesus weiss, dass viel über ihn geredet wird, und zwar nicht nur darüber, was er tut, sondern vor allem auch darüber, wer er wohl sei.

Denn Jesus gibt Rätsel auf. Die Leute haben schon gemerkt, dass er kein gewöhnlicher Mensch ist. Seine Worte berühren die Menschen, wühlen sie auf, scheiden auch oftmals die Geister. Seine Taten zeugen von einer besonderen Vollmacht. Er vollbringt Wunder, er kann Kranke heilen,vermehrt Speisen, stillt den Sturmwind, weckt sogar Tote auf. Er masst sich an, Sünden zu vergeben, bricht mit Tabus, indem er sich mit Sündern an einen Tisch setzt, kritisiert religiöse Autoritätspersonen, und scheut sich nicht, auch das Sabbatgebot zu brechen. Er kann sich liebevoll den Menschen zuwenden, aber auch wütend werden und harte Worte gebrauchen. Und er scheint eine ganz besondere Beziehung zu Gott zu haben, nennt ihn liebevoll „Abba“, also Papa.

Es ist allen klar: Jesus ist kein Mensch wie alle anderen. Aber wer ist er? So werden sich wohl viele Leute damals gefragt haben, die Jesus begegnet sind oder auch nur von ihm gehört haben. Die Evangelien bezeugen uns, dass die Menschen oft zueinander gesagt haben: Wer ist dieser, dass er Kranke heilen kann? Dass er Sündern vergibt? Dass sogar Wind und Sturm ihm gehorchen? Nach jedem Wunder, das die Menschen miterleben, taucht diese Frage auf, sie scheint förmlich über den Köpfen zu schweben: Wer ist dieser? Was ist das für ein Mensch? Jesus scheint in kein Schema zu passen, kein Deutungsversuch vermag das Phänomen Jesus von Nazareth abschliessend und befriedigend zu erklären.

So behelfen sich die Leute mit Figuren aus der Vergangenheit. Es war damals ein verbreiteter Glaube, dass besondere Personen, wie z.B. Propheten, eines Tages wiederkommen und in allenfalls anderer Gestalt ihr Werk fortsetzen würden. So wartete man auf ein Wiedererscheinen des berühmten Propheten Elia oder auf einen der anderen Propheten. Ein Erklärungsversuch der Leute ist es also, zu sagen, Jesus sei der wiedererschienene Elia, Johannes der Täufer oder ein anderer Prophet aus der Vergangenheit. Doch man merkt, dass diese Vermutungen nicht ganz greifen, dass Jesus eben doch grösser und anders ist als die bekannten Figuren. Jesus bringt Neues in die Welt, noch nie Dagewesenes. Die Vergleiche mit früheren Personen sind eher hilflose Versuche, die Person Jesus zu erklären.

In den Evangelien kursieren viele Titel, mit denen Jesus belegt wird. Sich selber nennt Jesus an einigen Stellen den „Menschensohn“, dies ist ein Begriff aus dem Alten Testament, und die Bedeutung dieses Titels liegt bis heute im Dunkeln. Oftmals wird Jesus auch als König bezeichnet und im gleichen Atemzug als „Sohn Davids“, wie z.B. bei seinem Einzug in Jerusalem.

Nur an einem Ort fragt man sich nicht, wer Jesus sei: Nämlich dort, wo man ihn bereits kennt, in Nazareth, seiner Heimatstadt. Hier meint man zu wissen, wer Jesus ist: Das ist doch der Sohn vom Zimmermann Josef, der unter uns aufgewachsen ist, den haben wir doch als Kind schon gekannt! – Man kann in diesem bekannten Menschen nichts Besonderes entdecken. Es fehlt schlicht die Distanz, um in Jesus mehr zu sehen als den gewöhnlichen Menschen aus der Nachbarschaft. „Der Prophet gilt nichts im eigenen Land“, sagt Jesus dazu und kehrt seiner Heimatstadt den Rücken.

Doch sonst überall stellt sich immer wieder die Frage: Wer ist Jesus? Ein besonderer Prophet? Ein Wunderheiler? Die Wiedergeburt eines früheren Propheten? Oder gar ein Quacksalber oder ein Volksverführer?

Viel wird gerätselt und spekuliert, doch niemand findet eine befriedigende Antwort auf diese Frage.

Jesus weiss das, und so fragt er selber seine Jünger: Was sagen die Menschen, wer ich sei? Auch die Jünger können ihm nur die Vermutungen und Spekulationen der Leute wiedergeben. Und dann fragt Jesus sie selber: Wer, sagt ihr aber, dass ich sei? Nun kommt die Antwort des Petrus: Du bist der Christus Gottes, d.h. der Gesalbte, auf Hebräisch: Der Messias. Petrus scheint es erfasst zu haben. Doch Jesus gebietet ihnen, nicht darüber zu sprechen. Warum das so ist, ist bis heute ein Rätsel. Vielleicht will sich Jesus nicht festlegen lassen. Vielleicht will er gerade, dass die Menschen rätseln und spekulieren; dass ihnen nicht eine fertige Antwort vorgesetzt wird, sondern dass sie selber, jeder für sich auf der Suche sein sollen nach einer Antwort auf die Frage: Wer ist Jesus?

Wer ist Jesus? – Das fragen sich viele Menschen auch heute noch. Und auch wenn wir sagen: Er ist der Christus, der Sohn Gottes, dann stellt sich immer noch die Frage: Was bedeutet das? Und vor allem: Wie können wir das heute verstehen?

„Wer, sagt ihr aber, dass ich sei?“, fragt Jesus, das bedeutet, dass wir uns fragen sollen: Wer ist Jesus Christus für mich? Denn jenseits aller kursierenden Jesusbilder geht es darum, ein persönliches Verhältnis zu finden zu Jesus als die zentrale Figur des christlichen Glaubens.

Es gibt viele Möglichkeiten, sich diese Frage zu beantworten.

Für die einen ist Jesus ein moralisches Vorbild. Sein Eintreten für die Armen und Schwachen, seine klaren Worte gegen Heuchelei und Ungerechtigkeiten sind beeindruckend. Seine Worte zugunsten von Feindesliebe, Frieden und Gewaltlosigkeit zielen auf ein friedliches und soziales Zusammenleben der Menschen. Seine Bereitschaft, für uns auch durch Leiden und Tod zu gehen ist vorbildlich. In der Nachfolge nehmen Christen seine Werte an, versuchen, in den Spuren Jesu zu wandeln und damit zu helfen, eine bessere Welt zu schaffen.

Für andere ist Jesus vor allem ein religiöser Erneuerer. Seine harten Worte gegen die Pharisäer, seine Tabubrüche und gezielten Gesetzesübertretungen dienen als Kritik auch heutiger allzu starrer religiöser Strukturen und motivieren dazu, die Kirche immer wieder zu reformieren und zu erneuern.

Für viele Christen ist Jesus wichtig in einer persönlichen Beziehung, wie zu einem Bruder oder Freund. Im regelmässigen Gebet und Gottesdienst pflegen sie eine Verbindung zu ihm; sie fühlen sich von Jesus durch ihren Alltag und ihr Leben begleitet, vertrauen ihm ihre Sorgen und Nöte an und fühlen sich von ihm persönlich angenommen auch in ihrer Sündhaftigkeit.

Für andere wiederum ist Jesus vor allem der Christus, der Erlöser und Heiland, der Auferstandene, der zur Rechten Gottes sitzt. Als Herr über die Lebenden und die Toten wird hier vor allem seine Göttlichkeit betont. Jesu Erlösungswerk durch seinen Tod und seine Auferstehung ist für diese Menschen Dreh- und Angelpunkt ihres Glaubens. Ihre Verehrung dient dem auferstandenen Christus; er dient ihnen als Quelle einer Hoffnung, die auch über den Tod hinausgeht.

Nicht wenige Menschen in heutiger Zeit hadern auch mit diesem Jesus. Einigen ist er zu abgehoben, zu undurchsichtig, zu unbegreiflich, zu weich, zu revolutionär, zu links, zu fremd, zu fern, zu moralisch, zu menschlich oder zu göttlich. An Jesus scheiden sich auch heute noch die Geister, und viele Menschen fragen genauso wie in biblischen Zeiten: Wer ist dieser? Was kann ich mit ihm anfangen, wie kann ich seine Worte und Handlungen verstehen, was soll ich von ihm halten, welchen Platz kann er in meinem Leben einnehmen, kann ich überhaupt an ihn glauben und wenn ja in welcher Weise?

„Wer, sagt ihr aber, dass ich sei?“, fragt Jesus auch uns als getaufte Christinnen und Christen. Der möglichen Antworten gibt es viele, und sie werden sich im Laufe des Lebens verändern. Es ist eine Frage, mit der wir unser Leben lang unterwegs sein können; je nach Lebensabschnitt und Lebenssituation können wieder andere Antworten aktuell werden.

Doch schlussendlich lässt sich diese Frage nur von innen heraus beantworten, nicht als blosse, abgehobene Theorie, sondern für jeden Menschen ganz persönlich.

Wie auch immer unser persönliches Jesusbild sein mag, wichtig ist, dass wir darin etwas von Gott erkennen. „In ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“, so heisst es im Kolosserbrief*. In Jesus hat sich gezeigt, wie Gott ist. So ist unser Verhältnis zu Jesus gleichzeitig ein Verhältnis zu Gott. Das zu begreifen kann nur von innen geschehen.

„Wer, sagt ihr aber, dass ich sei?“ Jesus stellt auch uns diese Frage und lässt sie offen. Beantworten können nur wir sie selber.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie mit dieser Frage weiterhin auf dem Weg sind und immer wieder ihre eigenen persönlichen Antworten finden, und vor allem, dass Sie in ihrem Fragen nach Jesus schliesslich Gott finden mögen.

*Kol 2,9

Von Splittern und Balken

Predigt am 21.01.17/29.01.17

Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden, und mit dem Mass, mit dem ihr messt, wird euch zugemessen werden.

Was sieht du den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken in deinem Auge aber nimmst du nicht wahr? Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen, und dabei ist in deinem Auge der Balken? Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge. Dann wirst du klar sehen um den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen. (Mt. 7, 1 – 5)

Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Harte Worte sind das, die Jesus da sagt. Hier ist nichts von Einladung, von Liebe oder Vergebung zu hören. Im Gegenteil, es handelt sich hier um eine Ermahnung.

Ein mahnender Jesus, passt das ins Bild? Hätten wir nicht lieber einen sanften und liebevollen Jesus, wie er so häufig verkündigt wird?

Ich behaupte: Das ist kein Widerspruch! Jesus war nicht immer nur sanft und lieb. Er konnte auch Klartext reden, Missstände beim Namen nennen. Das gehörte zu Jesu Verkündigung, zu seiner Botschaft von der Liebe Gottes zu den Menschen, zu seiner Vision vom Reich Gottes.

Jesus konfrontiert uns in dieser Rede mit uns selber und will uns auf einen Weg führen, mit unseren Mitmenschen und mit unserem eigenen Ich anders umzugehen. Das dient seinem Ziel, die Welt dem Reich Gottes ein Stück näher zu bringen.

Es ist wichtig, diese Worte in ihrem Zusammenhang zu sehen. Dieser Text ist ein Teil der Bergpredigt, an dessen Anfang die Seligpreisungen stehen, die ich zu Beginn dieses Gottesdienstes gelesen habe. Die Seligpreisungen sind ein Zuspruch, also wie eine Art Balsam auf die Seele. Danach kommen verschiedene Ausführungen zu einem gottgefälligen Leben: Man soll sein Licht nicht unter den Scheffel stellen, seinem Mitmenschen nicht fluchen, nicht schwören, nicht vergelten, seine Feinde lieben, seine Frömmigkeit nicht zur Schau stellen, sich nicht sorgen und wie gesagt: nicht richten.

Der Zuspruch der Bergpredigt beinhaltet auch einen Anspruch an die Menschen. Sie sollen mit ihrem Verhalten sich des Zuspruches würdig erweisen. Wichtig ist: Das Verhalten ist keine Bedingung, sondern eine Folge davon, dass man Gottes Liebe erfahren hat. Der Mensch, der sich von Gott angesprochen und geliebt weiss, kann sich in seinem Lebenswandel dementsprechend verhalten. Zuerst kommt also der Zuspruch, danach erst der Anspruch an das Verhalten.

Es ist kein geringer Anspruch, den Jesus da an seine Hörer stellt  – und damit auch an uns.

Schauen wir einmal genauer hin, was Jesus da in seiner Rede fordert: Richtet nicht! Er meint hier nicht das Richten von professionellen Richtern, sondern das Urteilen eines jeden Menschen über seine Mitmenschen. Und das ist etwas, das tagtäglich geschieht. Z.B. beim üblichen Klatsch und Tratsch werden nicht nur Gerüchte in Umlauf gebracht, sondern es wird gerichtet, Urteile werden gefällt über gutes und böses, richtiges und falsches Verhalten der Anderen. Es bedeutet, zu werten, die Menschen zu bewerten, nicht nur aufgrund ihres Tuns, sondern oftmals auch aufgrund ihrer Lebensweise, Äusserlichkeiten, Nationalität, Alter usw. Man sucht gerne nach dem Haar in der Suppe beim Anderen, hofft mit Schadenfreude, dass bei ihm Fehler und Schwächen zutage treten. Und weil wir es ja besser wissen, können wir uns über die Fehlbaren erheben und uns ihnen überlegen fühlen. (Ich sage jetzt bewusst „Wir“, denn ich denke, kein Mensch ist vor einer solchen Haltung ganz gefeit).Wenn ich mit dem Finger auf die Fehler anderer zeigen kann, muss ich mich nicht mit meinen eigenen Fehlern auseinandersetzen. Darum ist das Klatschen und Tratschen, das Gerüchte streuen, das Urteilen und das Richten so eine beliebte Tätigkeit. Rufmordkampagnen, das an den Pranger stellen einzelner oder auch Mobbing können einen Menschen ruinieren. Aber auch das alltägliche Werten im kleinen Kreis gehört dazu.

Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus!  Wer über andere urteilt, lässt sich ein auf das grosse Spiel, den Kreislauf von Klatsch und Tratsch, von Besserwisserei und des sich über andere Erhebens. Wer über andere richtet, verhält sich  respektlos und anmassend und begegnet dem Nächsten nicht auf Augenhöhe. Er selber stellt sich als besser hin. Kein Wunder, dass da zurückgegeben wird, dass man sich dann auch selber dem Beurteilt-Werden aussetzt. Wer über andere richtet, muss damit rechnen, dass die gleichen Massstäbe an ihn selber angelegt werden. Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden, und mit dem Mass, mit dem ihr messt, wird euch zugemessen werden, sagt Jesus. Der Bibeltext geht davon aus, dass kein Mensch besser ist als der andere und dass niemand das Recht hat, sich über einen anderen zu erheben. Er weiss, dass alle Menschen irgendwie in Schuld verstrickt sind. Er rechnet damit, dass das Böse, das ein Mensch aussendet, schlussendlich zu ihm zurückkehrt.

Die Rede vom Splitter und vom Balken im Auge ist ein Bild, das mit der Übertreibung spielt. Natürlich kann kein Mensch einen Balken im Auge haben. Aber es ist sicher kein Zufall, dass es hier um das Auge geht. Wer über andere urteilt, mag im Anderen etwas entdeckt haben. Doch gleichzeitig ist er blind gegenüber seinen eigenen Fehlern. Sein Blick ist verstellt. Und das Schlimme daran ist: Er merkt es nicht einmal. Er hat nur einen Blick für die Fehler des Anderen. Psychologisch ausgedrückt können wir sagen: Ein solcher Mensch hat eine eingeschränkte Selbstwahrnehmung.

Denn jeder Mensch hat eine verborgene Seite an sich, einen sogenannten Schatten. Das ist die Seite an uns, die wir nicht so gerne anschauen und auch anderen Menschen nicht zeigen wollen, weil sie nicht unserem eigenen Selbstbild entspricht, weil sie unsere Fehler und Schwächen beinhaltet, also etwas, das wir an uns selber ablehnen. Es ist eine Seite, die wir am liebsten verstecken oder leugnen, auch vor uns selber.

Wer seinen Schatten verdrängt, neigt dazu, seine eigenen Fehler zu verneinen und auf die anderen zu projizieren. Um mit Jesus zu sprechen: Den Balken im eigenen Auge sehen wir nicht, sondern nur im Form eines Splitters im Auge des Anderen, den wir dann scharf verurteilen, denn es ist ja anscheinend nicht unser eigener Splitter. Wir können uns von ihm abgrenzen, indem wir mit dem Finger auf andere zeigen, indem wir anderen die Schuld geben für sämtliche Missstände in der Welt.

Es  geht also darum, den Balken in unserem eigenen Auge zu erkennen, uns damit auseinanderzusetzen, bevor wir uns um den vermeintlichen Splitter im Auge des anderen kümmern können. Oftmals wird dieser dann bedeutungslos.

Und jetzt kommt etwas ganz Wichtiges: Wenn wir uns mit unserem eigenen Balken auseinandersetzen, also mit unserem Schatten, der unsere Fehler und Schwächen, vielleicht auch unsere bösen Seiten beinhaltet, dann sollten wir ihn nicht bekämpfen, nicht ausmerzen wollen. Wir sollten ihn erst einmal genau anschauen und dann liebevoll annehmen! Ja, auch wenn es seltsam klingt: diesem Teil von uns sollen wir mit genau so viel Liebe begegnen wie Jesus den Sündern begegnet ist. Er hat ihre Sünde nicht gutgeheissen, aber er hat sie in Liebe angenommen. Und genau das sollten wir auch mit unserem Schatten machen, denn er ist ein Teil von uns. Wir sollten uns selber nicht ablehnen, auch nicht Teile von uns. Wenn wir unseren Schatten liebevoll annehmen können, dann wird er für uns sichtbar, und dann kann er sich auch verwandeln. Wenn wir unsere abgelehnten Seiten akzeptieren, können wir den Balken aus unserem Auge entfernen. Und erst dann sehen wir klar und können uns um die Schatten der Anderen kümmern. Wenn wir unseren eigenen Fehlern mit Barmherzigkeit, Geduld und Toleranz begegnen, dann können wir auch barmherzig, geduldig und tolerant mit den Fehlern anderer umgehen. Das Herausziehen des Splitters aus dem Auge des Anderen ist dann nicht als Zurechtweisung zu verstehen, sondern vielmehr als Hilfe. Aus der Erfahrung heraus, dass auch wir unsere Schattenseiten haben, können wir den Anderen helfen, auch ihre Schattenseiten anzunehmen. Das ist etwas ganz anderes, als über sie zu richten und zu urteilen.

Mit der Aufforderung „Richtet nicht!“ wollte Jesus nicht einfach einer Laxheit und einer falschen Toleranz Vorschub leisten. Ihm schwebte vielmehr eine vorurteilsfreie Gemeinschaft vor, in der alle Menschen so angenommen werden wie sie sind, mit all den Seiten, die zu ihnen gehören, ohne Verdrängung, Heuchelei oder Überheblichkeit. Jesus wollte Menschen, die zu sich selber stehen können auch mit all ihren Unzulänglichkeiten. Wenn wir versuchen, diesen Weg einzuschlagen im Umgang mit uns selber und mit den Anderen, dann sind wir dem Reich Gottes ein Stück näher gekommen.

Vom Wachstum

Predigt am 21.08.16, Gottesdienst auf dem Bauernhof. Zuvor wurden vier Kinder getauft.

Und er sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie. Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.

Und er sprach: Womit wollen wir das Reich Gottes vergleichen, und durch welches Gleichnis wollen wir es abbilden? Es ist wie ein Senfkorn: wenn das gesät wird aufs Land, so ist’s das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden; und wenn es gesät ist, so geht es auf und wird größer als alle Kräuter und treibt große Zweige, sodass die Vögel unter dem Himmel unter seinem Schatten wohnen können. (Mk. 4, 26 – 32)

Jesus verdeutlichte seine Botschaft gerne mit Gleichnissen. Diese sind oftmals spannende Texte mit reichem Gehalt. Oftmals handelt es sich um ganze Geschichten mit komplexen Handlungen; so geht es z.B. um Raubüberfälle, um Familienkonflikte oder sogar um das Handeln von Königen. 

In diesem Gleichnis hingegen wird ein ganz einfacher Vorgang aus der Natur beschrieben. Es geht um das Wachstum einer Pflanze. Ein Vorgang, der jedes Jahr im Frühling und im Sommer milliardenfach geschieht. Aus einem Samen wird ein Halm, eine Pflanze, eine Frucht, die schliesslich geerntet werden kann. 

Jedes Jahr können wir diesen Ablauf wieder täglich beobachten: Wie im Frühling die Knospen beginnen zu spriessen, wie die Halme aus der der Erde hervorkommen, wie es überall wächst und beginnt zu grünen und zu blühen. Der Rasen muss in immer kürzeren Abständen gemäht werden, und kaum ist das Unkraut gejätet, spriesst es wieder von Neuem hervor. Die Saat auf den Feldern wird immer höher und üppiger, bis die Getreidehalme im Wind wogen und die Maispflanzen neben den Feldwegen hohe Wände bilden. 

Was da geschieht, ist für uns eine Selbstverständlichkeit und doch eigentlich jedes Mal wieder ein Wunder. 

Es gibt einen Satz in dem Gleichnis, der dieses Wunder besonders gut beschreibt: „Er weiss nicht wie“. Der Bauer tut nichts anderes, als den Samen in die Erde zu setzen; der Rest geschieht von selber. Der Mensch begeht inzwischen seinen Tageslauf, und mit der Zeit wird aus dem Samen, den er gesät hat, eine Pflanze, die schliesslich Frucht bringt, die er ernten kann und von der er sich und seine Familie ernähren kann. 

Das ist ein für ihn lebenswichtiger Vorgang. Aber: Er weiss nicht, wie es geschieht. Es geschieht von alleine. Er selber setzt den Samen, er kann zuschauen, wie es wächst, und am Ende kann er ernten. Viel mehr kann er nicht dazu tun. Das Eigentliche geschieht ohne sein Zutun. Er weiss nicht wie. 

Es ist ein altes Gleichnis aus einer anderen Zeit als die Heutige. In heutiger Zeit begnügen wir uns nicht mehr damit, zu warten, wie etwas von selber geschieht. Heute wollen wir alles in unserem Leben selber planen, organisieren, kontrollieren, optimieren und gestalten. Wir wollen nichts dem Zufall überlassen! Unser Leben soll bis ins hinterletzte Detail hinein geplant und gesteuert werden. Wenn etwas nicht funktioniert, dann soll es zum Funktionieren gebracht werden. Und wir wollen alles verstehen. Wir wollen ganz genau wissen, wie und warum etwas funktioniert. So hat sich der Mensch mit der Zeit die Natur unterworfen. Seit der Zeit der Aufklärung herrscht die Haltung vor, alles und jedes sei machbar und manipulierbar. Wir geben uns nicht mehr damit zufrieden, geduldig zu warten, wie etwas entsteht. Wir wollen alles vorherbestimmen, anpacken, machen.

In der Landwirtschaft versucht man das Wachstum mit künstlichem Dünger zu optimieren, natürliche Risiken mit Pestiziden, Fungiziden und Herbiziden möglichst auszuschalten. Riesige Traktoren und Landmaschinen perfektionieren und optimieren die Arbeit. Tiere werden gezüchtet, damit sie viel Ertrag bringen. Auch in der Landwirtschaft wird also nichts mehr dem Zufall überlassen. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, denn die modernen Methoden haben auch dazu geführt, dass wir bei uns keine Hungersnöte mehr kennen und dass alle am Schluss genug auf dem Teller haben.

Und doch gibt es da einen Punkt, an dem alles Optimieren und Kontrollieren an Grenzen stösst. Dieses „Er weiss nicht wie“ ist trotz aller Technologie nicht ausgeschaltet. Auch jetzt noch ist schlussendlich alles davon abhängig, dass es von selber wächst. Dieses natürliche Wachstum kann durch keinen Fortschritt, keine Chemie und keine Technologie ersetzt werden. Auch wenn das Wachstum beeinflusst werden kann – ein kleines Stück Unverfügbarkeit, dieses „Er weiss nicht wie“ ist immer noch dabei. Die Natur, das Wachsen und Gedeihen ist nicht durch Menschenhand machbar. Wir haben es nicht im Griff, und das beste Beispiel dafür ist die Tatsache, dass auch bei uns dieses Jahr die Ernte um einige Prozentpunkte schlechter ausfallen wird als sonst. Der viele Regen im Frühling war nicht vermeidbar. Das Eigentliche also, das Wichtigste bei dem ganzen Vorgang haben wir Menschen nicht im Griff, es ist nicht steuer- oder manipulierbar. 

Wachstum ist immer ein langsamer Prozess. Wachstum geschieht meist gemächlich, schleichend, leise, unbemerkt und unerklärlich. Und es geschieht von selber. Wenn etwas wächst, ist das jedes Mal ein kleines Wunder. 

Wachstum geschieht nicht nur in der Landwirtschaft. Wachstum geschieht auch in vielen anderen Bereichen unseres Lebens.

Wir haben vorhin schon über die Geburt eines Kindes gesprochen. In der heutigen Zeit gibt es ja viele Möglichkeiten der Familienplanung bis hin zur künstlichen Befruchtung. Die meisten modernen Menschen möchten solche Möglichkeiten nicht mehr missen. Auch Schwangerschaft und Geburt werden nicht mehr gänzlich der Natur überlassen. Es gibt Möglichkeiten der menschlichen Eingriffe, um die Geburt zu erleichtern und Komplikationen zu verhindern, die bei uns selbstverständlich geworden sind. 

Aber das Eigentliche dieses Vorganges, das Werden eines Menschen ist und bleibt ein Vorgang der Natur. Auch hier gilt es: Wir wissen nicht wie. Ein Kind entsteht einfach, wir können diesen Vorgang mit unserem Zutun nur begleiten. Glücklicherweise gibt es noch keine Technologie, um Menschen selber herzustellen. Bestrebungen in dieser Richtung, wie z.B. das Klonen oder Eingriffe in menschliches Erbgut sind ethisch problematisch und müssen sorgfältig diskutiert werden. 

Wachstum geschieht also von selber und ist nur bedingt beeinflussbar. Ob ein Kind ein Junge oder ein Mädchen wird, ob eine Gurke gerade oder schief wächst, können wir kaum beeinflussen. Ob es regnet oder die Sonne scheint, ob es gewittert oder hagelt – auch das ist nicht von Menschenhand steuerbar. 

Ob etwas gelingt oder nicht und wie etwas herauskommt, hängt nicht nur von unserem Zutun ab. Wir können helfen, die Möglichkeiten zu schaffen, damit etwas wachsen kann. Wir können die Bedingungen begünstigen und Risiken minimieren. Wir können viel dazu tun, damit etwas gelingt. Aber das Wachstum selber liegt letztlich nicht in unserer Hand. 

Wenn wir das erkennen und respektieren, dann gewinnen wir eine Haltung der Demut. Das bedeutet, die eigenen Grenzen anzuerkennen, und zu akzeptieren, dass es etwas gibt, das Grösser ist als wir selber. Es bedeutet, eine Haltung der Geduld, des Vertrauens, des Respektes und nicht zuletzt der Hoffnung einzunehmen. Es bedeutet die Bereitschaft, etwas einfach geschehen zu lassen, und das, was gelingen soll, in Gottes Hand zu legen, es Gott anheim zu stellen im Vertrauen darauf, dass es gut kommt. Es bedeutet, etwas von unserem Machbarkeitsdenken aufzugeben und uns auf das zu besinnen, was wirklich unsere Aufgabe ist. 

Bei diesem Gleichnis geht es eigentlich nicht um Landwirtschaft. Es geht um das Reich Gottes, um die bessere Welt, die wir alle herbeisehnen. Es beschreibt unsere Rolle bei der Arbeit für dieses Reich. Wir spielen dabei eine Rolle, aber sicher nicht die Hauptrolle.  

Das darf aber nicht bedeuten, dass wir die Hände in den Schoss legen und sagen: Wir können ja doch nichts machen. Wir können sehr viel und sehr Wichtiges tun. Wir können den Samen setzen, den Boden bereiten, die Bedingungen schaffen, damit etwas gelingt. Und wir können ernten und die Ernte gerecht verteilen. 

Wachstum gibt es in vielen Bereichen unseres Lebens. Ob es nun um ein Getreidefeld geht, um das Aufziehen von Kindern, um eine wirtschaftliche Investition, um ein Projekt, um das Zusammenleben von Menschen, um die Gestaltung der Zukunft, um Frieden, um Liebe – überall geht es um Wachstum, das nicht allein in unserer Hand liegt. Doch wenn wir alle daran mitarbeiten, wenn wir jedes für uns das dazutun, was wir haben und können, dann kann ein Vorhaben wachsen und zu etwas Grösserem werden. Wir alle können etwas dazu beitragen, dass aus einem kleinen Samen ein grosser Baum wird, in dem die Vögel nisten. 

Zum Thema Sünde

Predigt am 29.05.16

Röm. 6, 12 – 23

„Kann denn Liebe Sünde sein?“ Dieser Titel eines Liedes von Zarah Leander kommt wohl vielen Menschen in den Sinn, wenn es um den Begriff Sünde geht. Mir ging es jedenfalls so, als ich überlegte, wo der Begriff Sünde in unserer Alltagssprache überall verwendet wird.

Das Wort Sünde ist in aller Munde, auch in der heutigen säkularisierten Welt.

Da ist z.B. die Rede vom Verkehrssünder, dem Steuersünder oder dem Abfallsünder; man spricht von den Bausünden oder den Jugendsünden. Die Verwendung des Begriffes „Sünde“ drückt oftmals eine Verharmlosung aus. Die Jugendsünden z.B. sind kleine Dummheiten, Streiche oder Verfehlungen, die mit jugendlichem Leichtsinn oder Übermut entschuldigt werden können. Als Jugendsünden bezeichnet man aber auch Dinge, die man früher getan hat und mit denen man sich im reiferen Alter nicht mehr identifizieren kann. Abfallsünder sind Leute, die Abfall einfach liegen lassen, Steuersünder sind Leute, die Steuern hinterziehen, Verkehrssünder haben die Verkehrsregeln missachtet. Es sind meistens die kleinen Vergehen, die nach landläufiger Meinung jedem passieren können, für die man im Allgemeinen sogar Verständnis aufbringt. Wirklich kriminelle Handlungen werden nicht mehr als Sünde bezeichnet. Bei den Steuersündern stellt sich allerdings die Frage, ab welchem Betrag man eigentlich eher von Vergehen sprechen sollte als in verharmlosender Weise von „Sünden“.

Der Begriff Sünde kommt in unserem Alltagsleben aber auch häufig im Zusammenhang mit der Ernährung vor: Man hat gesündigt, weil man der Sahnetorte nicht widerstehen konnte, obwohl man doch eigentlich abnehmen will. Sünden sind im heutigen Sprachgebrauch häufig kleine Laster, von denen man eben nicht lassen kann.

Die Sünde hat sich also in unserer Alltagssprache gehalten, obwohl wir in einer weitgehend nicht-religiösen Gesellschaft leben. In der heutigen Zeit ist die Sünde also eher etwas, das man belächelt, anstatt dass man Angst oder Respekt vor diesem Begriff hat.

Im rein kirchlichen Kontext ist das anders. Hier versteht man unter Sünde ein Vergehen, ein Fehlverhalten, eine moralisch verwerfliche Tat, eine Übertretung von Gottes Geboten.

Als Moses die Israeliten aus Ägypten durch die Wüste führte, gab er ihnen die 10 Gebote, um diesen losen Haufen von Menschen zu einem Volk mit verbindlichen Regeln zu vereinen. Ein Übertreten der Regeln störte das Zusammenleben des Volkes, was zu einer Gefährdung der ganzen Gemeinschaft führen konnte. Daher war es besonders wichtig, dass die Regeln und Gebote eingehalten wurden; die Übertretung derselben galt als ein schlimmes Vergehen. Und weil Gott als Urheber der 10 Gebote galt, war der Verstoss dagegen auch ein Vergehen gegen Gott.

In neutestamentlicher Zeit wurde der Begriff Sünde von der Gesellschaft vor allem mit Zöllnern und Prostituierten in Verbindung gebracht. Von den Zöllnern wurde behauptet, sie würden beim Geldeintreiben in die eigene Tasche wirtschaften. Doch das eigentlich Schlimme war, dass sie mit den Römern, der verhassten Besatzungsmacht zusammenarbeiteten. Sie galten also als Verräter am eigenen Volk. Die Prostituierten standen für eine entfesselte, ungezügelte Sexualität. Die Männer, die ihre Dienste in Anspruch nahmen, wurden hingegen nicht als Sünder bezeichnet.

Auch später im Verlauf der Kirchgengeschichte wurde der Sündenbegriff häufig im Zusammenhang mit dem Thema Sexualität verwendet – und dies bis heute. Die kirchliche Sexualmoral brachte jahrhundertelang neurotische Ängste, Verklemmtheit und Schuldgefühle hervor. Der erhobene Zeigefinger der Kleriker schüchterte viele Menschen ein und verhinderte oftmals ein gesundes Verhältnis zum anderen Geschlecht sowie auch zum eigenen Körper. Bei dieser Fixierung auf das Thema Sexualität ging und geht auch heute noch häufig der Blick auf die eigentliche Bedeutung des Sündenbegriffes verloren.

Doch es ist wichtig, dass wir als moderne Menschen ein neues Verständnis vom Begriff Sünde bekommen, jenseits der moralisierenden wie auch der verharmlosenden Bedeutung.

Was also bedeutet der Begriff Sünde eigentlich? Das deutsche Wort Sünde kommt ursprünglich von Sund, was so viel wie „Kluft“ oder „Trennung“ bedeutet. Ein Sund trennt z.B. eine Insel vom Festland.

In der Theologie wird Sünde häufig als ein Getrenntsein von Gott bezeichnet. Die sogenannte Sündenfallgeschichte am Anfang der Bibel beschriebt dies sehr gut: Die ersten Menschen im Garten Eden assen verbotenerweise vom Baum der Erkenntnis. Sie hielten sich nicht an die Regeln, die Gott ihnen auferlegt hatte. Damit hatten sie das Recht verwirkt, in der Gemeinschaft mit Gott zu leben und wurden aus dem Garten Eden vertrieben. Die ganze weitere biblische Geschichte beschreibt diese wechselvolle Geschichte zwischen Gott und den Menschen, die von der Trennung gekennzeichnet ist.

Interessant ist auch die griechische Bezeichnung für Sünde. Das griechische Wort „Hamartia“ bedeutet wörtlich „Zielverfehlung“, es stammt ursprünglich aus dem Bogenschiessen. Sündigen heisst in diesem Sinne also so viel wie daneben treffen. Man hat vielleicht das richtige Ziel anvisiert, ist aber nicht gesammelt und ausgerichtet genug, um es auch wirklich zu erreichen.

Wir können sagen: Sünde als Trennung und als Zielverfehlung verhindert, dass die Liebe Gottes, also die Energie des Lebens, frei fliessen und uns wirklich erreichen kann. Sünden sind hier nicht einzelne Übertretungen, sondern Haltungen, die uns daran hindern, unser Potenzial wirklich auszuschöpfen und das wahre Leben, das für uns bestimmt ist, auch wirklich zu leben. Oftmals errichten wir uns selber Blockaden und Hindernisse, die uns von Gott und damit von der Fülle des Lebens abschneiden. Das können z.B. irrationale Ängste sein, ein mangelndes Vertrauen in unsere eigenen Fähigkeiten, die Unfähigkeit, unsere Mitmenschen anzunehmen, mangelnder Mut, mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen, ein unverrückbares Verharren auf die eigenen Positionen oder ein Fixiertsein auf Erfolg und materiellen Besitz. Einzelne Übertretungen können aus diesen Haltungen resultieren, die Wurzel der Sünde liegt aber anderswo. Sie besteht im Versuch, das Leben mit untauglichen Mitteln zu bewältigen. Sünden sind also Mogelpackungen, sie versprechen etwas, das sie nicht halten können. Es sind Grundhaltungen, die uns von Gott, unseren Mitmenschen und von uns selbst trennen und dazu führen können, dass wir unser eigentliches Leben verfehlen können so wie ein Bogenschütze das Ziel.

Die katholische Theologie entwarf einen Katalog der 7 Todsünden: Stolz, Neid, Zorn, Trägheit, Geiz, Masslosigkeit und Unkeuschheit. Heute würde man diesen Katalog für den modernen Menschen vielleicht etwas anders formulieren. Vor allem der Begriff „Todsünde“ wirkt sehr bedrohlich. Dass der Tod der Sünde Sold sein soll, ist eigentlich seit Jesus Christus überholt. In Jesus Christus hat Gott uns unsere Liebe erwiesen, und das bedeutet die Vergebung der Sünden. Das und nichts anderes ist die Botschaft des Evangeliums. Die Sünde führt nicht automatisch zum Tod. Es gibt einen Ausweg aus dem sündigen Leben. Natürlich gehören zur Vergebung Einsicht, Busse und Umkehr. Doch das Schöne ist: Die Vergebung kommt zuerst! Weil wir die Vergebung erfahren haben, werden wir fähig zur Umkehr und frei, dem Guten zu dienen. Wie es im Römerbrief heisst: Wir sind nicht länger Knechte der Sünde, sondern sind nun befreit dazu, Gott und der Gerechtigkeit zu dienen.

Wie dies konkret aussehen kann, zeigen uns Auflistungen der Tugenden als Gegenpole zu den Sünden. Der Galaterbrief listet die sogenannten „Früchte des Geistes“ auf: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut. In der kirchlichen Kunst werden die vier Kardinaltugenden des Aristoteles Gerechtigkeit, Klugheit, Mässigung und Tapferkeit ergänzt mit den drei biblischen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe.

Es gilt also, zu unseren sündigen Grundhaltungen die entsprechenden Gegenhaltungen, also die Tugenden zu entwickeln. Das und nichts anderes bedeutet Umkehr. Es setzt voraus, dass wir uns unserer sündigen Haltungen bewusst sind und dass wir eine Umkehr – also eine Befreiung davon – wirklich bewusst wollen. Ich betone nochmal, dass dies nicht eine Voraussetzung zur Vergebung ist, sondern eine Folge davon.

Wir dürfen uns also als Menschen verstehen, welche die Vergebung bereits erfahren haben. Dann werden wir frei, unserer Sündigkeit ins Gesicht zu schauen und können uns auf dem Weg machen, uns befreien zu lassen zum Dienst am Guten.