Die Lücke

Predigt am 25.11.18, Ewigkeitssonntag, Gedenken an die Verstorbenen

Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines lieben Menschen ersetzen kann, und man soll das auch gar nicht versuchen; man muss es einfach aushalten und durchhalten; das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch zugleich ein grosser Trost; denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden. Es ist verkehrt, wenn man sagt, Gott fülle die Lücke aus; er füllt sie gar nicht aus, sondern er hält sie vielmehr gerade unausgefüllt, und hilft uns dadurch, unsere echte Gemeinschaft miteinander – wenn auch unter Schmerzen – zu bewahren. Ferner: Je schöner und voller die Erinnerungen, desto schwerer die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht mehr als einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich. (Dietrich Bonhoeffer)

Der Stuhl, auf dem er immer gesessen hat, ist jetzt leer.

Sie hatte immer ein so schönes Lachen.

Im Altersheim sah man ihn oft in der Eingangshalle sitzen, er war immer zu einem Schwatz aufgelegt.

Sie hat immer für alle so gut gekocht.

Seine Stimme im Chor ist nun verstummt.

Sie hat die Familie zusammengehalten. Jetzt sehen wir uns viel weniger.

Am Abend sassen wir immer zusammen auf dem Balkon.

Im Verein, am Stammtisch bleibt sein Platz leer.

Wir haben immer zusammen gejasst.

Er konnte so gute Witze erzählen.

Ihre Geige wird nicht mehr gespielt.

Ich habe ihn liebevoll gepflegt, jetzt habe ich keine Aufgabe mehr.

Bei fast jedem Todesfall kann man solche oder ähnliche Aussagen hören. Die Verstorbene ist nicht mehr da, sie fehlt von nun an; dort, wo sie gewesen ist, klafft eine Lücke, es tut sich ein Loch auf, dessen Leere uns schmerzlich bewusst wird.

„Der Weggang des Verstorbenen reisst in unser Leben eine Lücke, die wir nicht mehr werden füllen können.“ – So oder ähnlich sage ich es bei fast jeder Beerdigung.

Und so ist es auch: Der Tod eines Angehörigen beschäftigt uns nicht nur, weil sein Leben beendet wurde, manchmal auch für unser Empfinden zu früh. Es ist auch das Gefühl der Leere, des Fehlens, das uns Mühe macht. Wir müssen unser Leben ohne diesen Menschen weiterführen. Und auch wenn die Verstorbene nicht mehr aktiv im Leben stand und nicht mehr wichtige Aufgaben in Familie oder Beruf erfüllte, ruft dieser Weggang bei uns ein Gefühl von Mangel und Leere hervor.

Denn jeder Mensch, unabhängig von seinem Alter, ist Teil von Beziehungen. Unser Leben ist ärmer geworden, wenn ein nahestehender Mensch von uns geht. Der Platz, den dieser Mensch in unserem Leben eingenommen hat, sei es als Ehefrau/Ehemann, Vater oder Mutter, als Tochter oder Sohn, Grossvater, Urgrossmutter, als Schwester oder Bruder, als Verwandte, Freund, Kollegin oder Nachbar wird von nun an leer bleiben. Darum ist es nicht übertrieben zu sagen: In unser Leben wurde eine Lücke gerissen.

Diese Lücke ist nicht einfach nichts. Wir spüren sie, oftmals auch sehr schmerzhaft. Die Lücke macht uns bewusst, was fehlt. Es ist wie eine offene Wunde, die nicht mehr zu verheilen scheint.

Eine Lücke strebt danach, geschlossen oder ausgefüllt zu werden. Doch jeder Versuch, diese Lücke zu füllen, ist zum Scheitern verurteilt. Wir können den verstorbenen Menschen nicht mehr zurückholen, können ihre Anwesenheit, seine Stimme, ihren Charakter oder das, was er für uns getan hat, nicht mehr herbeiholen. Er lässt sich auch nicht durch andere Menschen vollständig ersetzen. Dieser Mensch in seiner Einzigartigkeit ist nicht mehr da. Auch die Hoffnung auf ein Wiedersehen in einer anderen Welt kann den Verlust nicht wirklich aufwiegen. Die Lücke bleibt offen.

Dietrich Bonhoeffer hat in seinem Text das Empfinden dieser Lücke sehr gut beschrieben. Er sagt ganz klar: Ein verstorbener Mensch ist unersetzlich. Nichts kann diese Lücke ausfüllen. Man soll auch gar nicht versuchen, sie irgendwie auszufüllen. Man muss sie eben gerade unausgefüllt lassen. Sogar Gott lässt sie unausgefüllt. Auch wenn es schmerzhaft ist, und das sagt Bonhoeffer ganz klar, ist dies wichtig. Man muss es einfach aushalten und durchhalten, auch wenn das hart klingt. Denn gerade durch diese unausgefüllte Lücke bleiben wir mit den Verstorbenen verbunden. Die Lücke hilft uns, unsere echte Gemeinschaft miteinander zu bewahren.

Das klingt paradox: Wie sollen wir gerade durch eine offene Lücke mit den Verstorbenen verbunden sein? Doch Bonhoeffer warnt sogar davor, die Lücke irgendwie füllen zu wollen.

Es gibt Menschen, die versuchen, die Lücke verzweifelt zu füllen: z.B. mit übertriebenen Aktivitäten; man stürzt sich ins Leben, als gäbe es kein Morgen. Man erstickt seinen Schmerz mit Arbeit oder übertriebenem Konsum. Man nimmt sich keine Zeit, um nachzudenken und zu spüren, sondern lenkt sich ab, gibt der Trauer keinen Raum in seinem Leben.

Doch da gibt es auch das Umgekehrte: Man versucht die offene Lücke zu füllen mit Trauer. Man kann nicht aufhören, an den Verstorbenen zu denken, die Wohnung ist voll von Gegenständen und Bildern, die an ihn erinnern. Die Urne ist vielleicht sogar zuhause aufgestellt, oder die Grabpflege ist zur täglichen Hauptbeschäftigung geworden. Andere Dinge und Menschen haben im Leben keinen Platz mehr. Wenn man auch Monate nach dem Todesfall nicht aufhören kann, so intensiv zu trauern, bedeutet das, nicht loslassen zu können. Man hält krampfhaft fest am Schmerz, will den Verstorbenen nicht wirklich gehen lassen, kann einfach nicht akzeptieren, dass er nicht mehr da ist.

Beides sind untaugliche Versuche, die Lücke zu füllen: Die Trauer verdrängen oder krampfhaft an ihr festhalten.

Gesunde Trauer, wie es Bonhoeffer versteht, sieht anders aus: Wir sollen und dürfen wieder am Leben teilnehmen, wir dürfen auch wieder fröhlich sein und lachen, uns anderen Dingen zuwenden, Neues beginnen – vielleicht auch eine neue Partnerschaft eingehen, sich Menschen suchen, um die man sich kümmern kann, neue Jasskollegen suchen und vieles mehr. Doch dies alles im Bewusstsein, dass die Lücke einfach immer da ist. Jeder Mensch, der jemanden verloren hat, trägt eine solche Lücke in seinem Herzen. Es geht darum, sie wahrzunehmen, ohne sie krampfhaft ausfüllen zu wollen. Sich dem Schmerz zu stellen, ohne sich von ihm übermannen zu lassen. Sich dem Leben zuzuwenden, ohne die Verstorbene zu vergessen. Gesunde Trauer bedeutet: zu lernen, mit dieser Lücke zu leben, sie offen halten, ihr Raum geben. Denn gerade wenn sie leer und offen bleibt, kann sie sich mit Inhalt füllen.

Bonhoeffer spricht von der Dankbarkeit. Dafür, dass man diesen Menschen kennen durfte, dass man viele schöne Stunden und Zeiten mit ihm erleben durfte, Dankbarkeit für alles, was dieser Mensch einem gegeben hat oder was man ihm selber geben durfte, Dankbarkeit für das gemeinsame Leben.

Zur Dankbarkeit möchte ich die Liebe hinzufügen. Man hört nicht auf, einen Menschen zu lieben, nur weil er gestorben ist. Und man muss auch nicht aufhören, sich von ihm geliebt zu fühlen. Die Liebe bleibt, denn sie ist stärker als der Tod.

Schliesslich sind es die schönen Erinnerungen an gemeinsam gelebtes Leben, an gute Begebenheiten, vielleicht auch nur an Augenblicke, die gut und stimmig waren.

Die Dankbarkeit, die Liebe und die Erinnerungen können die Qual der Trennung in eine stille Freude verwandeln. Dann trägt man das vergangene Schöne nicht mehr als einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.

Es klingt widersprüchlich: Man soll die Lücke unausgefüllt lassen, erst dann kann sie ausgefüllt werden mit etwas Kostbarem. Ich versuche mir das so vorzustellen: Wie ein Loch im Asphalt, in dem plötzlich eine Blume wächst. Nur durch dieses Loch ist es möglich, dass da etwas wachsen kann. Wenn wir also die Lücke in unserem Herzen bewusst offen halten, dann besteht die Chance, dass darin etwas wachsen und erblühen wird.

So lasst uns weitergehen durch unser Leben als Menschen mit einer offenen Lücke in unseren Herzen. Lasst uns offen bleiben, damit das kostbare Geschenk aus Liebe, Dankbarkeit und schönen Erinnerungen in uns wachsen und blühen kann. Gott wird uns dabei helfen. Amen.

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Was ist der Mensch?

 

Predigt am 16.09.18

Gott, wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast:  Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? (Ps. 8, 4-5)

„Was ist der Mensch?“

Eine schwierige Frage. Man kann dieses Thema von verschiedenen Seiten her angehen. Wir können den Menschen betrachten aus biologischer Sicht: Wie ist der Körper des Menschen aufgebaut und wie funktioniert er? Oder psychologisch: Wie funktioniert die Seele des Menschen? Was geht in seinem Inneren vor? Oder evolutionsbiologisch: Der Mensch hat sich aus dem Affen entwickelt. Wie hat ihn das geprägt? Historisch: Man untersucht den Verlauf der Menschheitsgeschichte. Kulturhistorisch: Welche verschiedenen Kulturen gibt es, wie haben sich diese entwickelt? Soziologisch: Man untersucht das Verhalten der Menschen untereinander.

Das sind nur einige Beispiele, wie man sich der Frage: Was ist der Mensch? annäheren kann. Alle Zugänge haben ihre Richtigkeit, alle betrachten den Menschen aus einer bestimmten Perspektive heraus. Will man eine umfassende Antwort auf diese Frage finden, muss man möglichst alle Perspektiven auf den Menschen berücksichtigen. Uns interessiert heute in diesem Gottesdienst natürlich vor allem der biblische Zugang zu dieser Frage: Welche Antworten liefert die Bibel? Welches Menschenbild vertritt die jüdisch-christliche Tradition?

So werfen wir einmal einen Blick in die Bibel, und zwar dorthin, wo von den Anfängen, der Schöpfung des Menschen gesprochen wird. Es gibt ja zwei Schöpfungsberichte, die verschieden über die Erschaffung des Menschen erzählen. Im ersten Schöpfungsbericht hört sich das so an:

Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei…Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. (Gen. 1, 27)

Im zweiten Schöpfungsbericht heisst es: Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. (Gen. 2,7)

Was sagen uns diese beiden Verse zur Frage: Was ist der Mensch?

Der zweite, ältere Schöpfungsbericht sieht das so: Der Mensch ist aus Erde gemacht, d.h. er ist ein Teil der Erde. „Du bist Erde und wirst zu Erde werden“, heisst es an späterer Stelle. Der Name Adam kommt vom Wort Adamah, und das heisst Erdboden.

Doch der Mensch ist nicht nur Materie, er ist mehr als das. Nachdem Gott den Menschen aus Erde geformt hat, bläst er ihm seinen Atem in die Nase. Erst so kann der Mensch ein lebendiges Wesen werden.

Im anderen Schöpfungsbericht wird das nicht so plastisch beschreiben, es heisst da nur: Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, als Wesen, das ihm gleich ist.

Was bedeutet das nun für das Menschenbild? Erstens: Wir tragen Gottes Atem in uns; das, was uns lebendig macht, kommt direkt von Gott. Ein Teil von Gott ist ständig in uns und erhält uns am Leben. Zweitens: Wir sind Gottes Ebenbilder, wir sind Gott gleich.

Und diese Feststellung gilt für alle Menschen, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Alter, Herkunft, Religion, Kultur, Fähigkeiten, moralischem Verhalten, Weltanschauung, Entwicklungsstand, Veranlagungen und Lebenssituation. Alle Menschen sind gleich, jeder Mensch, der auf dieser Erde lebt ist Gottes Ebenbild.

Von diesem Gedanken sind auch die Menschenrechte abgeleitet, die von dem Grundsatz ausgehen: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Der Begriff der Menschenwürde und die Gottebenbildlichkeit sind eigentlich das gleiche, einmal weltlich und einmal religiös ausgedrückt.

Bevor wir den Gedanken weiterspinnen, schauen wir doch auch noch ins Neue Testament.

Jesus hat den Gedanken eingeführt, dass Gott unser Vater ist. Das bedeutet nichts anderes als: Wir sind Gottes Kinder, Gottes Töchter und Söhne. Im 1. Johannesbrief heisst es:

Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!

Wir sind also nicht nur Gottes Ebenbilder, wir sind seine Töchter und Söhne. Das bedeutet, dass wir Anteile von Gott in uns tragen. So wie ein Mensch die Gene seiner leiblichen Eltern in sich trägt, so haben wir Teile von Gott in uns. Man könnte auch sagen: Einen göttlichen Funken oder einen göttlichen Kern. Es bedeutet nichts anderes als: Gott ist in uns. Tief in uns drin sind wir Gott. Wir Menschen sind göttlich. Und zwar alle.

Das ist ein schöner, aber auch ein schwieriger Gedanke. Wenn ich mir manche Menschen so ansehe, fällt es mir schwer, zu akzeptieren, dass wirklich alle göttlich sein sollen. Ich denke z.B. an die Menschen, die gegen Flüchtlinge demonstrieren und dabei rufen: „Lasst sie ersaufen“. Oder auch nur, wenn ich Kommentare in den sozialen Medien lese, die andere Menschen aufs unflätigste weit unter der Gürtellinie angreifen und diffamieren.

Solches Verhalten ist ganz und gar nicht göttlich. Es ist auch nicht menschlich, sondern zutiefst unmenschlich. Es fällt uns schwer, sich vorzustellen, dass auch Menschen, die sich unmenschlich verhalten, einen göttlichen Kern in sich tragen sollen.

Dagegen ist es einfacher, schnelle Urteile zu fällen. „Das Monster“ ist eine oft gesehene Schlagzeile, wenn jemand ein besonders grausames Verbrachen begangen hat. Der Mörder von Rupperswil, der 4 Personen grausam umgebracht hat. Oder der Vater, der seine Tochter 24 Jahre lang in ein Kellerverlies gesperrt hat, sie immer wieder vergewaltigte und die daraus gezeugten Kinder ebenfalls im Verlies aufwachsen liess. Solche Taten sind grauenhafte Verbrechen, darüber gibt es nichts zu diskutieren. Und doch müssen wir sagen: Auch diese Menschen sind keine Monster. Es sind Menschen wie du und ich. Menschen, die wie alle anderen auch einen göttlichen Teil in sich tragen, auch wenn wir Mühe haben, uns das vorzustellen. Und wenn wir das konsequent weiterdenken: Also auch ein Hitler, ein Stalin, ein Bin Ladin, Menschen die schreckliches Unheil angerichtet haben, sind und bleiben Menschen, auch wenn sie abgrundtief böse Taten begangen haben. Es ist schwer für uns, das zu akzeptieren. Viel einfacher ist es, jemanden als Monster abzutun, der nichts Menschliches und erst recht nichts Göttliches an sich hat. Wir trennen solche Menschen damit von uns ab und müssen uns nicht mehr damit auseinandersetzen, dass es Menschen gibt, die zu bösem fähig sind, ja, dass eigentlich jeder Mensch je nach Situation zum Bösen fähig ist. Wir können dann einfach behaupten, dass diese Taten mit uns schlicht nichts zu tun haben, denn die Täter waren ja keine Menschen.

Doch nicht jeder Mensch ist ein Schwerverbrecher. Grundsätzlich gilt es, zwischen dem Menschen an sich und seinem Verhalten zu unterscheiden. Wir können die Taten eines Menschen verurteilen, ohne jedoch seine Menschlichkeit, also auch Gottebenbildlichkeit anzuzweifeln. Denn Gottes Ebenbild zu sein bedeutet eben nicht automatisch, ein perfekter und moralisch untadeliger Mensch zu sein. Das wissen wir alle.

Denn der göttliche Kern ist nicht einfach offensichtlich. Er ist oftmals verschüttet und tief verborgen hinter einer dicken Schicht, die wir uns im alltäglichen Leben angeeignet haben, einer Kruste aus Gewohnheiten, Neid, Unsicherheit, Hochmut, Neurosen und Egozentrik. Doch der innerste göttliche Kern bleibt. Und wenn wir diesen in jedem Menschen zumindest vermuten, dann kann es uns vielleicht gelingen, den Anderen anzunehmen wie er/sie ist, auch mit den Fehlern, Schwächen und Unzulänglichkeiten, mit allen Unterschieden und dem, was uns voneinander trennt.

Und auch mich selber kann ich besser annehmen, wenn ich den göttlichen Kern in mir selber sehen kann. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ – das bedeutet nichts anderes, als im Nächsten und in sich selber den göttlichen Anteil wahrzunehmen und zu würdigen.

Denn manchmal gibt es Momente, in denen das Göttliche durchschimmert, in denen wir etwas erahnen können vom Göttlichen im Anderen und in uns selber. Wenn Begegnungen und menschliches Miteinander gelingen, wenn wir menschlich aneinander handeln, wenn wir vergeben können, wenn Versöhnung möglich wird, wenn wir den Anderen trotz seines Andersseins oder seiner Schuld als Mensch sehen und behandeln können, wenn wir unsere eigene Göttlichkeit spüren und die unseres Gegenübers aufleuchten lassen können. Dann sind wir in der Liebe. Und die Liebe kommt von Gott; Gott selber ist die Liebe.

So schliesse ich mit den Worten aus dem 1. Johannesbrief: Gott ist die Liebe. Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm.

 

Worauf es ankommt

Predigt am 17.06.18

Die Zeit ist kurz. Auch sollen die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht. (1. Korinther 7, 29a – 31)

Ein schwieriger Text. Wir sollen verheiratet sein, als wären wir es nicht? Weinen, so als weinten wir nicht? Uns freuen, als freuten wir uns nicht? Kaufen, als könnten wir das Gekaufte nicht behalten? Die Welt gebrauchen, als gebrauchten wir sie nicht? Was sollen wir denn sonst tun als das, was wir tun auch wirklich zu tun und was wir empfinden auch wirklich zu empfinden? Ist das für uns heute noch eine sinnvolle Lebenshaltung, was Paulus da verlangt?

Um die Worte des Paulus zu verstehen, müssen wir uns vergegenwärtigen, in welchem Kontext sie geschrieben worden sind.

Diese Worte sind geprägt von der Naherwartung, die damals in der jungen Christenheit vorherrschend war. Man glaubte, Christus würde nach seinem Tod bald wiederkommen, um alle Welt zu richten, nur die Christen würden ins Jenseits gerettet werden. Das Ende aller Zeit sei nahe – dieser Glaube führte dazu, dass viele der frühen Christen aufhörten zu arbeiten, ihre Habe verkauften und das Geld der Gemeinde spendeten und dort feiernd und betend die Wiederkunft Christi erwarteten. Umso grösser wurde die Verunsicherung, als die Zeit verstrich und das Weltenende mehr und mehr auf sich warten liess. Es gab sogar Gemeinden, die völlig verarmten, weil sie sich nicht auf die Zukunft eingerichtet hatten. Und es tauchten neue Fragen auf: Was ist mit den Christen, die inzwischen verstorben sind, bevor Christus wieder kommt? Sollen wir Christen uns doch noch auf diese Welt einlassen? Und wie sollen wir in ihr leben? Soll man z.B. noch heiraten? Wie sollen wir uns gegenüber dem Staat verhalten? Soll man Besitz haben und Handel treiben oder nicht?

In diese Verunsicherung hinein schrieb Paulus seine Worte, und nur in diesem Zusammenhang können wir sie verstehen.

Paulus sagt zu den Korinthern: Ja, ihr lebt in dieser Welt, solange die Wiederkunft Christi auf sich warten lässt. Ihr sollt auch in der Welt leben und das tun, was auch andere Menschen tun: Heiraten, weinen, lachen, kaufen und „die Welt gebrauchen“, also sie mitgestalten, arbeiten, handeln und vieles mehr. Doch etwas ist anders: Ihr sollt verheiratet sein, als wärt ihr es nicht; wenn ihr weint, dann so, als weintet ihr nicht, wenn ihr euch freut, dann so, als freutet ihr euch nicht, wenn ihr etwas kauft, dann sollt ihr euch vorstellen, ihr würdet das Gekaufte nicht behalten, ihr sollt all das, was ihr in der Welt tut, so tun, als tätet ihr es nicht. Das, was ihr tut in dieser Welt, sollt ihr auch wirklich tun, aber immer unter einem gewissen Vorbehalt. Ihr sollt euch nicht wirklich auf diese Welt einlassen. Denn ihr wisst, dass alles nur vorläufig ist. Nichts von dem, was ist, hat wirklich Bestand. Ihr sollt euer Herz nicht zu fest daran hängen.

Bevor ich versuche, diese Gedanken auf uns zu übertragen, möchte ich den Worten des Paulus einen anderen Text entgegensetzen, einen Text, der eigentlich das Gegenteil sagt. Es handelt sich um eine kurze buddhistische Geschichte.

Einige Schüler gingen zu ihrem Meister. Sie wollten wissen, warum er immer so glücklich, zufrieden und ausgeglichen sei. Der Meister sagte zu ihnen: „Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich aufstehe, dann stehe ich auf. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich mich setze, dann setze ich mich. Wenn ich esse und trinke, dann esse und trinke ich.“ Die Schüler schauten sich verdutzt an und einer sagte: „Meister, was du sagst, tun wir auch. Wir schlafen, gehen, essen und trinken. Doch wir sind nicht glücklich. Was also ist das Geheimnis?“ Der Meister wiederholte das soeben Gesagte. Dann sagte er: „Sicher liegt auch ihr und ihr geht auch und ihr esst und trinkt auch. Aber während ihr liegt, steht ihr schon auf. Während ihr aufsteht,  geht ihr schon, und während ihr geht, esst und trinkt ihr schon. So sind eure Gedanken ständig woanders und nicht da, wo ihr gerade seid. Das Leben findet immer im Jetzt statt. Lasst euch auf diesen Augenblick ganz ein und ihr habt die Chance, wirklich glücklich zu sein.“

Der Meister propagiert genau das Gegenteil von dem, was Paulus sagt. Wir sollen das, was wir tun, wirklich ganz tun, sollen ganz da sein, wo wir gerade sind, in unseren jeweiligen Handlungen ganz präsent sein. Der Meister in der Geschichte prangert bei seinen Schülern ein anderes Verhalten an: Wenn sie etwas tun, sind sie in Gedanken schon bei der nächsten Handlung. Sie sind nicht wirklich ganz bei dem, was sie gerade machen.

Das Verhalten der Schüler passt gut zu unserer heutigen Lebensweise. Das Lebenstempo hat sich in den letzten Jahren stark beschleunigt. Viele Menschen glauben nicht mehr an ein Leben nach dem Tod. Stattdessen wird das Leben vor dem Tod immer wichtiger. Man möchte möglichst viele Lebensmöglichkeiten ausschöpfen, will alles erleben, was man in dieser Welt erleben kann, und zwar möglichst bald, denn das Leben ist kurz. Multitasking , das Hetzen von einer Aktivität zur anderen, die Selbstoptimierung im Beruf und in der Freizeit sind ein Merkmal unseres modernen Lebens geworden. Die Technologie mit Computern und Smartphones treibt dies voran: Man kann heute jede Information jederzeit und überall erhalten, genauso wie man jederzeit und überall erreichbar ist und inzwischen auch sein muss. Dieses Karussell dreht sich immer schneller. Kein Wunder, dass die meisten Menschen sich so verhalten wie die Schüler in der Geschichte: Wenn man etwas tut, ist man in Gedanken bereits bei der nächsten Aktivität. Niemals ist man ganz bei der Handlung, die man gerade ausführt. Man könnte aus sagen: Niemals ist man ganz bei sich selber.

Das Leben findet immer im Jetzt statt, sagt hingegen der Meister. Also lebt auch im Jetzt! Seine Alternative ist ganz einfach: Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich aufstehe, dann stehe ich auf. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Es bedeutet, immer nur dort zu sein, wo man gerade ist, bei der Handlung, die man gerade ausführt. Es ist ganz einfach und für uns doch schwierig. Leben im Hier und Jetzt. Sich nicht ablenken lassen von dem, was danach kommt. Im Moment präsent sein. Denn leben können wir ja nur in der Gegenwart, also weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft. Die Vergangenheit ist Geschichte, die Zukunft ein Geheimnis und jeder Augenblick ist ein Geschenk, sagt ein Spruch. Das ist auch meine Lebenshaltung, mit der ich gegen das beschleunigte Lebenstempo unserer Zeit anzukämpfen versuche. Und ich hoffe, dass auch Sie jetzt ganz hier sind und nicht in Gedanken z.B. schon beim Fussballmatch heute Abend.

Und diese Lebenshaltung ist von den Empfehlungen des Paulus gar nicht so weit weg, wie es zunächst den Anschein macht.

Beide Texte gehen von der Vergänglichkeit aus. Unabhängig davon, ob es nun um das Weltendende oder um unsere Sterblichkeit geht: Niemand von uns kann wissen, ob wir den morgigen Tag noch erleben. Und diese Tatsache lehrt uns, den Augenblick erst recht zu schätzen. Das Bewusstsein, dass das Leben begrenzt ist, macht das Leben in der Gegenwart intensiver. Viele Menschen, die eine schwere Krankheit überstanden oder einen Unfall überlebt haben, sagen: Ich lebe nun viel bewusster, weil ich weiss, dass das Leben nicht selbstverständlich ist.

Und so kommen wir zumindest in die Nähe des Paulustextes: Diese Welt und alles, was wir darin tun, ist vergänglich. Was wir uns erarbeiten, was wir erreichen, aber auch jede Freude und jeder Schmerz ist vergänglich. Dadurch relativiert sich alles. Wir müssen nicht mehr krampfhaft an etwas festhalten oder verbissen unseren Zielen nachjagen. Wir können schmerzhafte Momente aushalten mit dem Wissen: Der Schmerz geht vorbei. Und die freudigen Momente können wir umso mehr auskosten, weil wir wissen: Sie sind nicht selbstverständlich, auch sie können vorbei gehen. Auf diese Art können wir uns viel mehr auf das konzentrieren, was wirklich wichtig, kostbar und unvergänglich ist. Und wir lernen, dankbar zu sein für jeden guten Moment im Wissen: Er kommt niemals wieder.

Denn es gibt zwei verschiedene Arten von Zeiten: Die Zeit, die genutzt sein will, zum Arbeiten, für den Erfolg, zum Lernen, für Hobbies und Ähnlichem. Und es gibt die andere Zeit: Die Zeit, um innezuhalten, zu spüren, zu riechen, zu schmecken, zum sich besinnen, zum Reden oder auch zum Schweigen, zum Alleinsein oder das Miteinander geniessen. Das ist die Qualitätszeit, oder wir könnten auch sagen: Die Zeit Gottes.

Zum Schluss gebe ich Meister Eckart das Wort: Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart, der bedeutendste Mensch ist immer der, der dir gerade gegenübersteht, das notwendigste Werk ist stets die Liebe.

Bedingungslose Liebe

Predigt zum Karfreitag 2018

Stugl 2 (5)

Als Jesus das gesagt hatte, wurde er betrübt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete. Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb. Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete. Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist’s? Jesus antwortete: Der ist’s, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald! (Joh. 13, 21 – 27)

 

Das Bild, das Sie hier sehen, ist ein Fresko aus der Kirche Stugls im Bündnerland. Es stammt aus dem 14. Jahrhundert, darum ist nicht alles sehr gut erhalten. Doch es ist deutlich erkennbar, dass es sich hier um eine Abendmahlsszene handelt.

Jesus – hier übergross dargestellt mit einer Gloriole, sitzt mit seinen Jüngern zu Tisch. Zwei dieser Jünger fallen optisch aus dem Rahmen: Deutlich zu sehen ist der Jünger, der vor Jesu Brust mit dem Kopf auf dem Tisch liegt, es handelt sich um den Jünger, „den Jesus lieb hatte“, wie es im Johannesevangelium heisst. Dieser wird hier schlafend dargestellt. Schräg gegenüber von Jesus sehen wir einen Mann im Profil. Das ist Judas. Judas wird in der kirchlichen Kunst häufig im Profil, also von der Seite dargestellt. Das hat einen bestimmten Grund. Man sagte früher: Das Böse schaut einen nicht direkt an. Es handelt häufig hinterhältig und unberechenbar. Man kann ihm nicht in die Augen schauen. Judas ist derjenige, der Jesus wenige Stunden später verraten wird. Deshalb wird Judas mit dem Bösen identifiziert. Auch er trägt hier eine Art Heiligenschein, aber dieser ist nicht wie bei den Anderen golden, sondern grau, so wie ein Schatten.

Das Besondere an diesem Bild ist die Beziehung zwischen Jesus und Judas. Mit seiner rechten Hand reicht Jesus dem Judas das Brot, es sieht aus, als würde er ihn füttern. Mit den Händen macht Judas eine bittende Geste. Er erkennt sich selber als bedürftig, er braucht Jesu Zuwendung gerade in diesem Moment. Die Beziehung, die direkte Verbindung zwischen Jesus und Judas dominiert das gesamte Bild. Die Hand Jesu, die sich nach Judas ausstreckt, symbolisiert die besondere Zuwendung, die Jesus dem Judas zuteil werden lässt. Jesus weiss genau, dass Judas derjenige ist, der ihn bald verraten wird. Und doch gilt ihm seine ganze Nähe und Aufmerksamkeit, wir könnten auch sagen: seine Vergebung, seine Gnade, seine Barmherzigkeit, seine Liebe.

In dieser Geste wird etwas vom Wichtigsten an Jesu Botschaft deutlich: Seine Zuwendung gerade zu denen, die es am meisten nötig haben. „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken“, ist ein wichtiger Ausspruch von Jesus. In der gesamten Zeit seines öffentlichen Wirkens hat er sich den Menschen zugewandt, die am Rande der Gesellschaft waren: Den Zöllnern, Prostituierten, Kranken, also nach landläufiger Meinung: Den Sündern. Jesus hat nicht nach ihrer Schuld gefragt, sondern sie angenommen, so wie sie waren, hat ihnen ihre Würde zurückgegeben und sie aufgerichtet zu Menschen, die wieder aufrecht gehen können. Gerade ihnen hat er die Liebe Gottes verkündigt. Das war Jesu Mission: Sich um die Menschen zu kümmern, die wegen ihrer Sündhaftigkeit in der Gesellschaft als die Letzten gelten. Jesus nimmt sich gerade dieser Menschen an, in ihrer Gebrochenheit, ihrer Schuld, ihrer Verzweiflung. Er vermittelt ihnen, dass gerade sie von Gott geliebt und angenommen sind. Das ist die Hauptbotschaft des Evangeliums.

Auch bei seinem letzten Mahl tut Jesus das, was er immer getan hat. Er widmet gerade dem seine volle Aufmerksamkeit, der es eigentlich am wenigsten verdient haben sollte. Doch diese Kategorie gibt es bei Jesus nicht. Bei ihm geht nicht um Verdienst, sondern um Bedürftigkeit. Von allen Jüngern, die an seinem Tisch sitzen, ist Judas derjenige, der Liebe und Vergebung am meisten nötig hat. Die Gesunden brauchen den Arzt nicht. Die, bei denen alles in Ordnung ist, die bereits in Harmonie mit ihm und Gott leben, brauchen Jesu Zuwendung am wenigsten. Deshalb ist der Jünger, der an Jesu Brust liegt, schlafend. Jesus muss sich nicht um ihn kümmern. Die Beziehung zwischen ihnen ist harmonisch. Stattdessen reckt Jesus seine Hand über ihn hinweg zu Judas. Diese Geste hat etwas fast Zärtliches an sich. Er füttert Judas wie eine Mutter ihr Kind. In dieser liebevollen Geste kommt bereits die Vergebung zum Ausdruck, die Judas so dringend nötig hat. Denn Judas ist verstrickt in Schuld und Sünde. Er kann daraus nicht mehr heraus. Auch jetzt wird er nicht mehr anders können, als das zu tun, was er den Hohepriestern zugesagt hatte. Jesus hindert ihn nicht daran. Gerade weil er weiss, was Judas vorhat, wendet er sich ihm mit besonderer Intensität zu. Judas weiss wohl, dass er sich jetzt schuldig macht. Darum ist er als Bittender ganz besonders auf der Suche nach Gott. Er braucht Gottes Liebe und Vergebung jetzt am allermeisten.

Und auch Jesus ist auf der Suche, nämlich nach denen, die verloren sind. Der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist, sagte er einmal. Und seine Suche hört auch in den letzten Stunden seines Lebens, ja selbst am Kreuz nicht auf. „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ – mit diesen Worten bittet er Gott um Vergebung für seine Peiniger und für die, die ihn ans Kreuz brachten. Die gesamte Kreuzigungsszene ist vor allem ein Ausdruck von Liebe und Vergebung. So seltsam es klingt: Jesus hängt am Kreuz als ein Vergebender. Auch noch in den schlimmsten Qualen nimmt er die Menschen an, und zwar bedingungslos.

Im Kreuzesgeschehen zeigt sich der bedingungslos liebende Gott. In Jesus Christus hat Gott sich in Menschengestalt in diese Welt hineinbegeben und hat sich damit der Fehlbarkeit und Sündhaftigkeit dieser Welt ausgeliefert. Er vermeidet es nicht, eines der schrecklichsten Schicksale eines Menschen zu erleiden. Und selbst jetzt bleibt Gott den Menschen zugewandt, bleibt ein vergebender, bedingungslos liebender Gott. Das ist das Paradox und gleichzeitig die Grossartigkeit des Kreuzesgeschehens.

Nicht nur Judas, auch die anderen Jünger machen sich in dieser Nacht schuldig. Drei Jünger schlafen ein, als sie für Jesus wachen sollten. Nach der Verhaftung laufen die Jünger verstört auseinander, anstatt Jesus beizustehen. Und Petrus, der versprochen hatte, für Jesus einzustehen, verleugnet ihn dreimal. Trotz ihrer Schuld und ihres Versagens werden diese Jünger später die ersten Apostel, welche die Kirche Christi aufbauen. Dies ist nur möglich durch Gottes Vergebung.

In der Passionsgeschichte zeigt sich die Unzulänglichkeit des Menschen und gleichzeitig die unbedingte, vorbehaltlose Liebe Gottes ohne Wenn und Aber.

Man muss also kein Judas sein, auch kein römischer Soldat, um Gottes Vergebung zu benötigen. Die bedingungslose und vergebende Liebe Gottes brauchen wir alle. Auch wenn wir wohl nicht solche Untaten begehen wie Judas, ein kleinbisschen Judas steckt wohl auch in jedem Menschen. Jeder Mensch ist grundsätzlich fähig zum Guten wie auch zum Bösen. Jeder Mensch hat seine dunklen Seiten, seine Schatten, die er selber nicht sehen will oder kann. Niemand von uns kann es vermeiden, in Sünde verstrickt zu sein. Manchmal können wir gar nicht anders, als uns schuldig zu machen, selbst wenn wir das Gute anstreben. Jeder Mensch ist mitunter angewiesen auf Gottes Vergebung. Und die gute Nachricht ist: Wir bekommen diese Vergebung, und zwar umsonst. Die bedingungslose Liebe Gottes gilt uns allen. Wir können und dürfen mit all unseren guten und schlechten Seiten immer wieder vor Gott treten. Gott sucht uns und wendet sich uns zu, gerade in den Momenten, in denen wir das eigentlich am wenigsten verdient hätten. Voraussetzung ist einzig, dass wir offen und empfänglich sind für Gottes Liebe, so wie es Judas im Bild zeigt mit seiner bittenden und empfangenden Geste. Wir dürfen uns von Gott angenommen wissen, wie wir sind, gerade auch mit unseren dunklen Seiten. Das erst ist die Voraussetzung, damit wir schliesslich auch fähig werden zum Guten.

Am Beispiel des Judas können wir erfahren, dass Gottes Liebe bedingungslos ist und uns allen gilt. Das ist die Botschaft, die das Kreuz Christi uns verkündigt bis heute.

Und führe uns nicht in Versuchung…

Predigt über Matthäus 6, 9-13, gehalten am 14.01.18

„Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“ – Diesen Satz beten wir in jedem Gottesdienst, verbunden mit der gesamten Christenheit auf der ganzen Welt. Neuerdings wird dieser uralte Satz, formuliert vor fast 2000 Jahren, in den Medien diskutiert.

Der Papst höchstpersönlich hat das lanciert. Dieser Bibelvers sei falsch übersetzt, so behauptet er. Es dürfe nicht heissen: Führe uns nicht in Versuchung, sondern: Lasse uns nicht in Versuchung geraten. Nicht Gott sei es, der in Versuchung führe, sondern der Satan. Auf Geheiss des Papstes wurde in einigen Ländern und Sprachen die Formulierung im Unservater angepasst. In den deutschsprachigen Kirchen scheint dies nicht der Fall zu sein. Ich bin froh darüber, denn ich bin mit dem Papst ganz und gar nicht einverstanden.

Ich finde zwar vieles gut, was Papst Franziskus tut und sagt – er lebt sein Papst-Sein in einem ganz neuen, einem sozialen, menschlichen Stil, der viele Hoffnungen weckt. Doch für mich als Reformierte ist es ein Unding, dass ein einzelner Mensch Stellvertreter Christi auf Erden sein sollte. Deswegen werde ich auch einem fortschrittlichen Papst gegenüber immer kritisch bleiben.

Ausserdem ist die Übersetzung und Exegese der Bibeltexte ja ein Spezialgebiet der protestantischen Theologie. Bereits viele Theologen (und seit knapp 100 Jahren auch Theologinnen) haben sich über die richtigen Übersetzungen den Kopf zerbrochen. Vom griechischen Urtext her gibt es keinen Grund, den Wortlaut dieses Verses zu ändern. Noch mehr aber irritiert mich die sachliche Argumentation des Papstes. Gott tut so etwas nicht, sagt der Papst, Gott führt nicht Menschen mit Absicht in die Versuchung hinein. Der Satz entspricht also nicht seinem Gottesbild. Aber ist es legitim, einen Bibeltext und sogar ein uraltes Gebet zu ändern, nur weil man mit dem Inhalt nicht ganz einverstanden ist? So gesehen könnten wir vieles in der Bibel in Frage stellen. Viele Bibelstellen präsentieren ein Gottesbild, das finster oder gar grausam ist und mit anderen Bibelstellen im Widerspruch steht. Sollten wir sie alle ändern zugunsten eines freundlicheren Gottesbildes? Ändern wir in Zukunft die Bibeltexte nach Belieben oder setzten wir uns weiterhin mit ihnen kritisch auseinander, auch wenn sie für uns sperrig und anstössig sind? In Bezug auf das Unservater könnten wir ja noch mehr in Frage stellen, z.B.: Ist Gott wirklich unser Vater? Und ist er wirklich im Himmel? Das Unservater ist ein traditionelles Gebet, das in der ganzen Christenheit gebetet wird. Es soll auf Jesus selber zurückgehen. Ich bin der Meinung, wir können uns in diese Tradition hineinstellen, ohne jedes einzelne Wort in Frage zu stellen.

In der Diskussion um diesen Vers geht es um nichts anderes als um das Gottesbild. Wenn der Papst sagt: Es sei nicht Gott, sondern der Satan, der in Versuchung führt, dann ist damit nicht viel gewonnen. Gibt es den Satan überhaupt, oder ist das Böse nicht einfach eine Realität, mit der wir leben müssen? Und wenn es den Satan gibt, warum lässt Gott ihn walten? Hat Gott keine Allmacht? Es dünkt mich allzu bequem, das, was uns nicht gefällt, einfach dem Satan zuzuschieben.

Im Bibelvers ist es ausdrücklich Gott, der die Menschen in Versuchung führt. Und es ist nur eine Nuance, ob Gott die Menschen in die Versuchung hineinführt oder nur geraten lässt.

Die Frage, warum Gott Böses und Leiden zulässt, ist eine uralte Menschheitsfrage. Bei Unglücken fragen wir: Warum hat Gott das zugelassen, und nicht: Warum hat Gott das getan? Doch in beiden Fällen geht es um einen Gott, der die Macht hat, Böses zu verhindern, dies aber nicht tut. Vielleicht können wir dieses Problem nur lösen, indem wir uns Gott ganz anders vorstellen. Sicher nicht als einen Gott, der aktiv ins Geschehen eingreift, sondern vielleicht als den „ganz Anderen“. Das würde bedeuten, das Unverständliche in der Welt so stehen zu lassen und nicht mehr Gott anzulasten.

Doch wenden wir uns dem Begriff „Versuchung“ zu. Was ist das überhaupt: „Versuchung“? Wir kennen den Begriff ja vor allem aus der Werbung: „Die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt“. Die Sahnetorte ist eine Versuchung, wenn man eigentlich abnehmen will. Man gerät in Versuchung, sich das neueste Smartphone zu kaufen, obwohl man es sich eigentlich nicht leisten kann. Die Werbung führt uns fast täglich in Versuchung, irgendetwas zu kaufen. Das ist ihre Aufgabe, damit unsere Wirtschaft floriert.

Doch diese Art der Versuchung hat Jesus wohl nicht gemeint, als er das Unservater formulierte. Die Tatsache, dass dieses Thema in diesem kurzen Gebet aufgeführt ist, besagt, dass es sich um eine zutiefst menschliche Erfahrung handeln muss. Es ist das Leben, das uns täglich in Versuchung führt, damals wie heute. Wenn wir einer Versuchung nachgeben, dann tun wir etwas, das wir eigentlich gar nicht tun wollen, weil es unseren Vorsätzen, unseren Werten widerspricht. Wenn wir also einer Versuchung ausgesetzt sind, dann sind wir im Dilemma zwischen einem momentanen Bedürfnis und einem grundsätzlichen Wert. (Ich will mich gesund ernähren, ich will nicht soviel Geld ausgeben, ich will treu sein, ich will mich ökologisch verhalten, ich will Regeln einhalten usw.) Im Moment der Versuchung sind wir im Zwiespalt zwischen Kopf und Bauch. Der Kopf, also die Vernunft mag hehre Prinzipien haben. Der Bauch, das Gefühl richtet sich nach den momentanen Bedürfnissen z.B. nach Genuss, Anerkennung oder Bequemlichkeit. Geben wir nun unseren innersten Regungen nach oder bleiben wir standhaft und halten uns an unsere Grundsätze? Es kann ein gutes Gefühl sein, einer Versuchung widerstanden zu haben: Ich kann meine innersten Bedürfnisse steuern und meinen Werten treu bleiben. Ich bin nicht willenloses Objekt meiner unbewussten Regungen, sondern kann reflektiert und moralisch handeln. Ich weiss was ich tue und kann auch mal auf etwas verzichten, wenn es sein muss.

Doch wir sollten uns auch nicht selber knechten. Es kann ja auch Spass machen, einer Versuchung nachzugeben. Vor allem dann, wenn es um Kleinigkeiten geht, dürfen wir uns wohl auch mal etwas gönnen. Und wenn es einfach nicht gelingen will, einen guten Vorsatz einzuhalten, dann müssen wir uns fragen, ob der Vorsatz denn wirklich der richtige ist. Kommt er wirklich von mir selber und entspricht meinem Wesen? Tut es mir wirklich gut, dreimal die Woche ins Fitnessstudio zu gehen, oder ist das etwas, das meinen eigentlichen Bedürfnissen widerspricht? Beim inneren Kampf zwischen Kopf und Bauch dürfen wir uns also auch mal zugunsten des Bauchgefühls entscheiden. Wichtig ist, dass wir eine bewusste Entscheidung treffen. Denn eine Versuchung ist immer eine Entscheidungssituation. In jedem Fall geht es darum, eine Balance zu finden in den täglichen Herausforderungen unseres Lebens.

Zu Zeiten Jesu ging es um anderes als um Fitnessstudios und Sahnetorten. In der Bibel wird die Versuchung häufig auch als Prüfung bezeichnet. Es ging um Einhaltung von Gottes Geboten, um das Standhalten im Glauben, um den Mut zum Bekenntnis. Gerade für eine religiöse Minderheit und in Zeiten von Verfolgung waren dies wichtige Themen. Versuchung bedeutet: Hier entscheidet sich etwas. Es geht um Existenzielles. Bleibe ich meinen Grundsätzen treu? Weiss ich immer was ich tue? Bin ich bereit, auch in schwierigen Situationen für meine tiefsten Überzeugungen einzustehen? Kann Gott und können meine Mitmenschen auch dann auf mich zählen, wenn es hart auf hart kommt? Die Bibel erzählt uns von vielen solchen Situationen. Eine davon ist die Versuchung Jesu in der Wüste. Dass Jesus es geschafft hat, diesen Versuchungen zu widerstehen, hat ihn stark gemacht für seinen Auftrag und schlussendlich auch dafür, für seine Überzeugungen zu sterben.

Die Bitte im Unservater hat ja einen wichtigen Nachsatz: Sondern erlöse uns von dem Bösen. Mit Versuchung sind eigentlich Situationen gemeint, in denen man mit dem Bösen konfrontiert wird. Die Vermeidung des Bösen und die Bewahrung davor, in der Konfrontation mit dem Bösen zu scheitern, das ist das eigentliche Anliegen dieses Satzes.

Ich werde also auch in Zukunft den Satz so beten, wie er uns überliefert wurde. Ungeachtet der Frage, ob nun Gott der Urheber der Versuchungen ist oder nicht. In Respekt vor den Versuchungen des Lebens bete ich gerne: Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Krippenspiel

Ansprache bei der Weihnachtsfeier im Altersheim am 21.12.17

Eine Jugendgruppe möchte ein Krippenspiel einstudieren. Die Rollen sind verteilt, Textbuch gibt es keines, es wird spontan gespielt, die Geschichte ist ja allen bekannt. Nun steht die erste Probe an.

Der Bote des Kaisers Augustus erteilt in strengem Ton den Auftrag zur Volkszählung, Maria und Josef ziehen nach Bethlehem, der Wirt weist das Paar ab, seine Herberge sei voll.

Doch mitten im Spiel bricht Peter, der den Wirt spielt ab. „Also eigentlich will ich keinen hartherzigen Wirt spielen, der den armen Leuten die Tür zuknallt. Wenn eine hochschwangere Frau mit ihrem Mann kommt, muss man sie doch hereinlassen. Also ich spiele das jetzt anders. – Kommt nur herein, liebe Leute, ich sehe, die Dame ist in Erwartung und die Nacht ist kalt. Meine Herberge ist zwar voll besetzt, aber ich gebe euch mein Schlafzimmer, ich selber kann ja im Stall übernachten.“ – Da sagt Rolf: „Also in dem Fall möchte ich auch nicht den Boten eines despotischen Kaisers spielen. Ich möchte auch nett zu den Leuten sein. Also: Liebes Volk! Der Kaiser möchte gerne wissen, wie gross sein Volk ist. Darum möchte er euch freundlichst bitten, wenn es euch beliebt, dass jeder in seinen Heimatort gehen soll, um sich dort zählen zu lassen. Kost und Logie sowie die Reisespesen werden selbstverständlich erstattet. Und Familien mit schwangeren Frauen sind natürlich davon ausgenommen. Sie können zuhause bleiben und sich per Internet registrieren lassen.“ „Das gabs doch damals noch gar nicht!“, ruft Heidi dazwischen. – „Ist doch egal, Hauptsache, die heilige Familie hat keine Umstände.“

Da meldet sich Hans, der einen Soldaten des Herodes spielen soll: „ Also dann will ich auch nicht ein Soldat sein, der dem Jesuskind nach dem Leben trachtet. Ich sage einfach: Herodes ist ein gütiger König, der das Jesuskind tatsächlich anbeten will.“ – „Wir spielen eine schönere Weihnachtsgeschichte als die, die in der Bibel steht.“, sagt Heidi. „Allen geht es gut, alle sind nett zueinander, Maria muss nicht hochschwanger nach Bethlehem ziehen und auch nicht in einem Stall gebären, die Hirten müssen sich nicht fürchten, die Soldaten begehen keinen Kindermord, es ist nicht kalt, es ist nicht dunkle Nacht, niemand ist arm. Schliesslich geht es ja um das Jesuskind und um das Volk Gottes. Da wollen wir uns nicht lumpen lassen.“

„Moment!“ ruft da Gaby, die den obersten Engel der himmlischen Heerscharen spielt. „Wenn Maria und Josef nicht nach Bethlehem müssen, wenn Jesus nicht in einem Stall geboren wird, wenn die Hirten nicht arm sind, wenn es keinen despotischen Kaiser Augustus und keinen blutrünstigen Herodes gibt, dann ist die Welt ja bereits perfekt, und dann muss ich ja auch nicht mehr kommen und „Friede auf Erden“ verkündigen. Und die Hirten müssen nicht das Jesuskind suchen gehen, denn sie haben gar keine Sehnsucht nach Frieden und Erlösung. In eine Welt, in der Friede, Freude und Eierkuchen herrschen, muss auch Gott nicht seinen Sohn schicken, um die Welt zu erlösen. Dann ist ja bereits alles in Butter. Dann können wir das Krippenspiel auch gleich ganz bleiben lassen.“

Nun werden alle nachdenklich. „Vielleicht hat es einen guten Grund, warum die Weihnachtsgeschichte genau so erzählt wird, wie wir sie kennen“, sagt Heidi. „Die perfekte Welt, wie wir sie gerne hätten, gibt es nun mal nicht. Es gibt Leid, Gewalt und Armut in der Welt. Es gibt Arme, Obdachlose und Flüchtlinge, einsame und verzweifelte Menschen. Auch heute noch. Und gerade darum ist Jesus in die Welt gekommen. In eine perfekte, paradiesische Welt hätte er nicht kommen müssen. Da hätte es auch nichts zu erlösen gegeben.

„Wartet mal“, sagt Rolf, „Wie steht es im Johannesevangelium? Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht ergriffen. Genau, es heisst ja auch, Jesus ist das Licht der Welt. Und wo kann man Licht sehen? Klar, nur im Dunkeln. Und beim Propheten Jesaja heisst es: Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. In einer Welt, die schon hell ist, braucht es kein Licht, um sie zu erleuchten. Jesus ist in die Welt gekommen, damit wir auch heute noch ein Licht haben, das uns leuchtet, auch wenn es um uns herum manchmal dunkel sein sollte.“

„Genau“, sagt Gaby, „und darum ist es auch wichtig, die Weihnachtsgeschichte so zu spielen, wie sie in der Bibel steht. Jesus ist in unsere Welt gekommen, so wie sie eben ist: in eine dunkle, ungerechte Welt, in der vieles nicht perfekt ist. Nur so konnte seine Botschaft von Frieden und Erlösung wirklich deutlich werden. Nur so konnten die Leute empfänglich werden für Christus und seine Friedensbotschaft.“

„Und das gilt auch für uns“, sagt Hans. „Auch unsere Welt ist noch lange nicht perfekt, auch wenn es uns jetzt besser geht als den Leuten damals. Auch wir sollten seine Botschaft ernst nehmen. Und die wird nur deutlich, wenn wir nichts beschönigen. Also Leute, spielen wir die Weihnachtsgeschichte noch einmal richtig, so wie sie ist.“

Und so spielen sie ihr Krippenspiel: Mit einem despotischen Kaiser Augustus, einer unerbittlichen Volkszählung, einem Wirt, der Maria und Josef die Tür weist, mit armen, verängstigten Hirten in einer dunklen kalten Nacht und einem Engel, der die Botschaft von Frieden und Erlösung in diese unerlöste Welt hineinspricht. Und mit einem grossen, strahlenden Licht, das von der Krippe ausgeht und die ganze Szenerie hell erleuchtet.

Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht ergriffen.

Vom fröhlichen Geben

Predigt zum Erntedank über 2. Korinther 9, 1-15, gehalten am 22.10.17

 

2017-10-23 16.16.29

2017-10-23 16.17.38(Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache)

 

Ein nicht ganz einfacher Text ist das. Paulus benutzt hier, wie es seine Art ist, gewundene Rhetorik, um durch die Blume etwas ganz Bestimmtes zu sagen.

Um die Korinther zu einer grosszügigen Spendenbereitschaft zu bewegen, schwankt Paulus in seinen Formulierungen immer wieder zwischen Lob und Ermahnung. Er lobt die Christen in Korinth für ihren guten Willen, doch es handelt sich vielmehr um ein vorauseilendes Lob, um sie dahin zu bringen, wohin er sie schliesslich haben will. Das Lob ist hier also eher eine versteckte Ermahnung, eine Warnung davor, den Erwartungen nicht zu genügen.

Die angekündigte Sammlung ist für die verarmten Christen in Jerusalem bestimmt, unter denen wohl viele Weggefährten Jesu sind. Diese hatten ja alles aufgegeben, ihre Arbeit und ihre Familien verlassen, um Jesus zu folgen. Die Gemeinde in Korinth, eine reiche Hafenstadt, muss wohl eher wohlhabend gewesen sein, und wurde wahrscheinlich wie viele Gemeinden in Kleinasien von reichen Christen finanziert. Umso wichtiger ist es für Paulus, an ihre Freigiebigkeit zu appellieren. Die Spende soll eine Gabe des Segens sein, nicht eine des Geizes.

Doch Paulus geht es um mehr als nur um materielle Werte. Es gelingt ihm, aus dem Thema Spendenbereitschaft ein Thema des Glaubens zu machen.

Paulus spricht hier nicht von Geldbeträgen, sondern von der Freude am Geben. Und davon, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Geben und Bekommen.

Dazu erst mal eine kleiner Exkurs: Vielleicht haben Sie das auch schon erlebt: Im Einkaufswagen hat jemand den Zweifränkler vergessen herauszunehmen. Oder im Parkautomat liegt noch ein „Zwänzgi“, das jemand vergessen hat. Man findet einen Fünfräppler auf der Strasse liegen. Und obwohl das ja relativ kleine Geldbeträge sind – eigentlich nicht der Rede wert – ist die Freude jeweils gross. Man hat etwas unverhofft geschenkt bekommen! Auch wenn das Geschenk unfreiwillig und völlig zufällig war. Ein solches Ereignis löst Glücksgefühle aus. Darauf basieren auch die Aktionen der Grossverteiler mit Cumulus- und Superpunkten. Auch wenn es sich jeweils nur um winzige Beträge handelt, macht das Sammeln Spass und lässt das Gehirn Glückshormone ausschütten, wie die Hirnforschung herausgefunden hat. Zudem hat ein psychologischer Test Folgendes festgestellt: Wenn man eine Münze auf der Strasse findet, ist die Wahrscheinlichkeit, anschliessend hilfsbereit zu sein, viermal so hoch wie ohne dieses kleine Glückserlebnis. Es gibt also einen Zusammenhang zwischen dem Gefühl, beschenkt zu werden und der Bereitschaft, anderen zu helfen. Wer bekommen hat, ist viel eher bereit, auch wieder etwas zu geben. Vielleicht sollte man hin und wieder einfach ein paar Geldstücke auf die Strasse werfen, die Leute wären dann hilfsbereiter und wir hätten eine bessere Welt!

Genau an diesen Effekt appelliert Paulus bei den Korinthern. Anstatt mit einer Drohung oder mit moralischen Appellen daherzukommen, erinnert er sie daran, wie reich sie selber durch Gott beschenkt wurden. Es soll bei einer Spende nicht darum gehen, Gott zufriedenzustellen. Sondern einfach darum, die eigene Dankbarkeit für all das Gute, dass einem selber beschert worden ist, zum Ausdruck zu bringen. Grosszügigkeit ist also nicht die Bedingung für Gottes Zuwendung und Gnade, sie ist vielmehr Ausdruck von grosser Freude und Dankbarkeit, also eine Folge von Gottes Güte. Insofern ist sie auch eine Glaubenshaltung. Darum ist es auch so wichtig, dass das Geben freiwillig und mit Freude geschieht, unabhängig von der Höhe des Geldbetrages.

So ähnlich ist es auch im Beispiel der armen Witwe im Markusevangelium, die nur 2 Münzen gibt, das aber kommt bei ihr vom Herzen. Die Bereitschaft zu Geben ist also eine Frage der inneren Haltung. Sind wir bereit, etwas zu tun oder zu geben, das bei uns wirklich aus vollem Herzen kommt? Das uns tangiert, ja vielleicht sogar ein bisschen wehtut? Für einen gläubigen Menschen ist das keine Nebensächlichkeit. Das Geben, das Sammeln von Spenden und Kollekten gehört untrennbar zu einem christlichen Gottesdienst. Und da geht es nicht um das Geldscheffeln, wie der Kirche manchmal vorgeworfen wird. Sondern um die Erfüllung eines Gebotes, das in der jüdisch-christlichen Tradition zutiefst verankert ist. Es geht um nichts weniger als um das Erfüllen von Gottes Gerechtigkeit. Gott hat ausgestreut und den Armen gegeben, Gottes Gerechtigkeit bleibt in Ewigkeit, schreibt Paulus. Dies ist immer auch ein Gebot an die menschliche Gerechtigkeit. Das Thema zieht sich durch die Bibel wie ein roter Faden: Von Moses über die Propheten bis hin zu Jesus. Immer wieder heisst es: Brich dem Hungrigen dein Brot! Beherberge den Fremden! Kümmere dich um Witwen und Waisen! Gib dem Obdachlosen Wohnung! Verteile alle 7 Jahre das Land neu, damit alle eine Chance haben. Und Jesus sagt: Was ihr dem Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.

Gerechtigkeit ist also nicht einfach eine Frage des guten Willens. Gerechtigkeit ist Gottes Gebot und somit eine massgebliche Frage des Glaubens.

Doch in unserer Zeit gilt immer mehr: Geiz ist Geil. Das hat weniger mit Armut als ganz einfach mit Neid zu tun. Neulich hat eine Untersuchung ergeben, dass das Scheitern der AHV*-Reform zu einem Teil darauf zurückzuführen ist, dass es 70 Franken monatlich mehr gegeben hätte – aber nicht für die jetzige AHV-Generation. Viele Urnengänger werden gedacht haben: Warum sollten die Jüngeren 70 Franken mehr bekommen, ich aber nicht? Sozialneid nennt man das, und der ist in unserer Gesellschaft ziemlich ausgeprägt. Man ist neidisch auf die Reichen, dass sie mehr haben, aber auch auf die Ärmeren, weil sie vielleicht etwas gratis bekommen – Krankenkassenverbilligungen z.B. oder Arbeitslosengeld, oder Sozialhilfe. Unabhängig davon, ob die Anderen bedürftiger sind als man selber, ob sie die Zuwendung dringen benötigen oder nicht. Nun soll sogar noch die ohnehin knappe Sozialhilfe um 10% gekürzt werden, um – so die Begründung – den Anreiz zum Arbeiten zu erhöhen. Als ob alle Sozialhilfeempfänger einfach nur zu faul zum Arbeiten seien. Ich kenne viele Betroffene, die nichts lieber würden, als sich ihr Geld selber zu verdienen, die werden jetzt zusätzlich bestraft.

Solche Ideen kommen von Menschen, die selber genug haben und so selbstgerecht sind, dass sie über Andere urteilen. Das ist genau so, wie wenn die Christen in Korinth damals gesagt hätten: Die Christen in Jerusalem sollen doch gefälligst arbeiten gehen.

Doch Paulus predigt anstatt Neid und Geiz die Grosszügigkeit als eine Glaubenshaltung.

Seine Botschaft ist Folgende: Wir sind von Gott gesegnet und begnadet, wir sind reich beschenkt. Und zwar nicht nur mit Geld und materiellem Reichtum. Wir dürfen als gesegnete Menschen durchs Leben gehen. Alles, was wir haben – seien es materielle Güter, aber auch unsere Begabungen, unsere Zeit, unsere Ideen, unser Engagement und nicht zuletzt auch unsere Freude und unsere Liebe können wir einsetzen, um Gott damit zu dienen, seinem Reich und seiner Gerechtigkeit. Nicht, um Gott damit zu bestechen. Sondern als freier Ausdruck unseres Glaubens, unserer Freude und Dankbarkeit. Und wir haben allen Grund dafür, dankbar zu sein. Dafür, dass wir leben, dass es uns gut geht und dass wir alles haben, was wir brauchen. Bevor wir bereit sind, zu geben, ist es wichtig, dass wir uns bewusst werden, was wir alles in unserem Leben geschenkt bekommen haben. Dann kann unsere Gabe aus vollem Herzen kommen.

Paulus verwendet hier Begriffe aus Saat und Ernte: Die spärlich säen werden auch spärlich ernten. Und die auf Segen hin säen, werden auch Segen ernten. Gott gewährt den Säenden Saatgut und Brot zur Speise und wird so auch euch Saat geben und vermehren und die Früchte eurer Gerechtigkeit wachsen lassen.

Es ist also ein Gottesgeschenk, dass wir frei und fröhlich geben können. Und das ist der eigentliche Sinn von Erntedank: Gott hat uns das Saatgut gegeben. Es ist an uns, was wir damit machen. Wenn wir nicht damit geizen, sondern es grosszügig säen, wird Gott es wachsen lassen, dass es überreiche Frucht und letztlich Segen bringt. Und wenn wir diese Frucht verteilen, kehrt der Dank schliesslich zu Gott zurück und wird uns zum Segen.

Weil wir viel bekommen haben, haben wir auch viel zu geben. Gott als der Ursprung aller Gaben und allen Reichtums wird unsere Gaben überfliessen lassen und zu einem Segen werden lassen, der uns und anderen zugute kommt.

 

*So heisst in der Schweiz die Rentenversicherung.