Der 100. Name Gottes oder: Ich bin, der ich bin

Diese Predigt wurde anlässlich der Trauung eines christlich-muslimischen Paares gehalten am 17. Juni 2017.

«Er ist Gott, ausser dem es keinen Gott gibt, der über das Unsichtbare und das Offenbare Bescheid weiss.

Er ist der Erbarmer, der Barmherzige. Er ist Gott, ausser dem es keinen Gott gibt, der König, der Heilige, der Inbegriff des Friedens, der Stifter der Sicherheit, der alles fest in der Hand hat, der Mächtige, der Gewaltige, der Stolze, Preis sei Gott!

Er ist erhaben über das, was sie ihm beigesellen. Er ist Gott, der Schöpfer, der Erschaffer, der Bildner. Sein sind die schönsten Namen. Ihn preist, was in den Himmeln und auf der Erde ist. Und Er ist der Mächtige, der Weise.»                                                                         Koransure 59, 22–24

 Liebe X, lieber Y, liebe Hochzeitsgemeinde!

„Sein sind die schönsten Namen“, heisst es in der Koran-Sure, die ich gerade gelesen habe. Und nach einem Hadith sagt der Prophet Mohammed: „Wahrlich, Gott hat neunundneunzig Namen, einen weniger als hundert. Wer sie aufzählt, geht ins Paradies.“

Darum sagt man im Islam, Gott habe 99 Namen. Es sind die Namen Gottes, die im Koran vorkommen. Jeder dieser Namen steht für eine Eigenschaft Gottes. Ein frommer Muslim sollte diese 99 Namen möglichst auswendig lernen, um sie immer wieder aufzählen zu können.

Ich zähle hier nur einige der Gottesnamen auf: Da wäre z.B. ar-Rahim: der Barmherzige; as-Salam: der Frieden. Al-Haliq: Der Schöpfer. Al-Gaffar: der Verzeiher. Al-Rauuf: Der Gnädige. Al-Hakim: Der Weise. An-Nur: Das Licht. Al-Wadud: Der Liebevolle, der alles mit seiner Liebe umfassende.

Man spricht auch von einem hundertsten Namen Gottes. Doch der ist unaussprechbar und den Menschen unbekannt. Er steht für das Grosse, Unbegreifliche an Gott, sein wahres Wesen, das wir als Menschen niemals ganz zu fassen vermögen. Mit den 99 Namen versuchen wir Gott so gut wie möglich zu umschreiben. Wie Gott wirklich ist, werden wir aber niemals ganz begreifen und somit auch nicht aussprechen können.

Im Christentum ist es im Prinzip ganz ähnlich. Auch in der Bibel gibt es zahlreiche Beschreibungen und Eigenschaften für Gott. So wird Gott bezeichnet als der Gnädige, der Barmherzige, der Vergebende, der Liebende, der Grosse, der Allmächtige, der Schöpfer, der Erlöser und vieles mehr. Es gibt auch Vergleiche, mit denen Gott beschrieben wird: So heisst es z.B., Gott sei wie ein Adler, unter dessen Flügel wir Schatten finden, oder wie ein starker Fels, auf den wir bauen können, wie eine tröstende Mutter oder wie ein gütiger Vater – so hat Jesus ihn ja auch bezeichnet.

Doch auch hier gilt: Das eigentliche Wesen Gottes ist für uns unaussprechlich. Es gibt keinen Namen für Gott, der ihn vollständig beschreiben könnte.

Als Gott sich dem Mose in einem brennenden Dornbusch offenbart, fragt Mose: Wie ist dein Name? Gott antwortet: Ich bin, der ich bin.

Er sagt nicht: Ich bin dieser oder jener, ich habe diese und jene Eigenschaften. Sondern Gott ist so, wie er ist. Alles ist in ihm enthalten. Für mich ist dieses „Ich bin der ich bin“ so etwas Ähnliches wie der 100. Name Gottes im Islam: Er beschreibt die Unmöglichkeit, Gott vollständig zu erfassen und mit Worten zu benennen.

Ich denke, sowohl als Christen wie als Muslime ist unsere Aufgabe, dem 100. Namen, dem „Ich bin, der ich bin“ so nah wie möglich zu kommen. Nicht, um ihn in einem Wort zu beschreiben. Sondern zu spüren, zu erfahren, wie Gott ist. Wenn wir mit dieser Frage nach Gott unterwegs sind, dann können wir – vielleicht auch nur ein kleines Stück weit – begreifen, was das „Ich bin, der ich bin“, der 100. Name Gottes bedeuten könnte.

Liebe X lieber Y, ihr beiden seid als Paar damit auf einem gemeinsamen Weg. Wenn ihr Gottes Wahrheit sucht und ihr immer näher kommt, dann ist es zweitrangig, ob dies innerhalb des christlichen oder des islamischen Glaubens geschieht. Die jeweilige Religion ist nur ein Weg, der einem grösseren Ziel dient. Dieses Ziel ist euer gemeinsames.

So wie mit Gott ist es auch mit der Liebe. Auch sie kann man nicht in einem einzigen Begriff treffend erklären. Auch für sie gibt es viele Umschreibungen, auch für sie gibt es viele Namen. Ich möchte euch jetzt einen Bibeltext vorlesen aus dem 1. Korintherbrief:

Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. 2 Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts. 3 Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte und wenn ich meinen Leib dem Feuer übergäbe, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts.

4 Die Liebe ist geduldig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. 5 Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. 6 Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. 7 Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. 8 Die Liebe hört niemals auf.

13 Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe. (1. Kor. 13, 1-8, 13 Einheitsübersetzung)

Hier werden viele Eigenschaften der Liebe aufgelistet. Doch diese Eigenschaften sind nicht einfach von selber da. Sie wollen gelebt werden, und zwar von uns Menschen. Wenn der Text also sagt: Die Liebe ist geduldig und gütig, dann bedeutet das eigentlich: Ein Mensch, der liebt, ist geduldig und gütig. Liebe zeigt sich vor allem an dem, was wir tun und wie wir uns verhalten. Das heisst: Die Liebe will erfüllt und gelebt werden. Liebe ist also etwas sehr aktives, nicht nur etwas, das wir empfinden, sondern eben auch etwas, das wir tun. Gerade für das Zusammenleben in einer Ehe genügt es nicht, nur ein schönes Gefühl füreinander zu haben. Liebe bedeutet, über dieses Gefühl hinaus, die Eigenschaften der Liebe jeden Tag neu miteinander und füreinander zu leben. Wenn ihr nachher einander die Ehe versprecht, ist dies das Versprechen, dass ihr euch bemühen wollt, all das, was Liebe ist und was Liebe sein kann, zu erfüllen.

Die Worte aus dem 1. Korintherbrief sind dabei so etwas wie eine Anleitung zum Lieben. Sie wollen uns dabei helfen, die Liebe wirklich zu leben, und zwar so, dass sie ein ganzes Leben lang anhält.

Lieben heisst also: Geduldig und gütig sein, sich nicht ereifern, nicht prahlen, sich nicht aufblähen. Nicht ungehörig handeln, nicht den eigenen Vorteil suchen, sich nicht zum Zorn reizen lassen, nicht nachtragend sein, sich nicht über das Unrecht freuen, sondern sich an der Wahrheit freuen. Lieben heisst: alles ertragen, alles glauben, alles hoffen, allem standhalten.

Lieben heisst schlussendlich, daran zu glauben, dass die Liebe niemals aufhört. Lieben heisst, dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe im Leben einen grossen Platz einzuräumen.

Und in eurem Fall heisst Liebe sicher auch ganz besonders, Verschiedenheiten zu akzeptieren und zu tolerieren, einander zu vertrauen und Raum zu geben, aufeinander achtzugeben und einander zu unterstützen gerade auch in schwierigen Zeiten.

Genauso wie es darum geht, Gottes 100. Namen, dem „Ich bin der ich bin“ immer näher zu kommen, so geht es auch darum, sich dem Namen der Liebe immer mehr anzunähern.

Liebe X, lieber Y, ich bin fest davon überzeugt, dass ihr beide diesen Weg gemeinsam gehen könnt: Den Weg Gottes und den Weg der Liebe. So wie Gott in euer beider Leben seinen Platz hat, so hat auch die Liebe bei euch gemeinsam ihren Platz. Das ist es, was euch verbindet, das Band, das euch zusammenhält über alle Schwierigkeiten und Verschiedenheiten hinweg. Gott und die Liebe sind die Grössen, die euch durch euer gemeinsames Leben leiten werden. Auch wenn Gott viele Namen, und für euch manchmal auch verschiedene Namen haben mag, vergesst nicht:

Gott ist die Liebe, Gott ist al-Wadud. Das ist es, was euch zusammenhalten wird, an jedem Tag eures gemeinsamen Lebens. Amen.

 

 

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