Vom fröhlichen Geben

Predigt zum Erntedank über 2. Korinther 9, 1-15, gehalten am 22.10.17

 

2017-10-23 16.16.29

2017-10-23 16.17.38(Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache)

 

Ein nicht ganz einfacher Text ist das. Paulus benutzt hier, wie es seine Art ist, gewundene Rhetorik, um durch die Blume etwas ganz Bestimmtes zu sagen.

Um die Korinther zu einer grosszügigen Spendenbereitschaft zu bewegen, schwankt Paulus in seinen Formulierungen immer wieder zwischen Lob und Ermahnung. Er lobt die Christen in Korinth für ihren guten Willen, doch es handelt sich vielmehr um ein vorauseilendes Lob, um sie dahin zu bringen, wohin er sie schliesslich haben will. Das Lob ist hier also eher eine versteckte Ermahnung, eine Warnung davor, den Erwartungen nicht zu genügen.

Die angekündigte Sammlung ist für die verarmten Christen in Jerusalem bestimmt, unter denen wohl viele Weggefährten Jesu sind. Diese hatten ja alles aufgegeben, ihre Arbeit und ihre Familien verlassen, um Jesus zu folgen. Die Gemeinde in Korinth, eine reiche Hafenstadt, muss wohl eher wohlhabend gewesen sein, und wurde wahrscheinlich wie viele Gemeinden in Kleinasien von reichen Christen finanziert. Umso wichtiger ist es für Paulus, an ihre Freigiebigkeit zu appellieren. Die Spende soll eine Gabe des Segens sein, nicht eine des Geizes.

Doch Paulus geht es um mehr als nur um materielle Werte. Es gelingt ihm, aus dem Thema Spendenbereitschaft ein Thema des Glaubens zu machen.

Paulus spricht hier nicht von Geldbeträgen, sondern von der Freude am Geben. Und davon, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Geben und Bekommen.

Dazu erst mal eine kleiner Exkurs: Vielleicht haben Sie das auch schon erlebt: Im Einkaufswagen hat jemand den Zweifränkler vergessen herauszunehmen. Oder im Parkautomat liegt noch ein „Zwänzgi“, das jemand vergessen hat. Man findet einen Fünfräppler auf der Strasse liegen. Und obwohl das ja relativ kleine Geldbeträge sind – eigentlich nicht der Rede wert – ist die Freude jeweils gross. Man hat etwas unverhofft geschenkt bekommen! Auch wenn das Geschenk unfreiwillig und völlig zufällig war. Ein solches Ereignis löst Glücksgefühle aus. Darauf basieren auch die Aktionen der Grossverteiler mit Cumulus- und Superpunkten. Auch wenn es sich jeweils nur um winzige Beträge handelt, macht das Sammeln Spass und lässt das Gehirn Glückshormone ausschütten, wie die Hirnforschung herausgefunden hat. Zudem hat ein psychologischer Test Folgendes festgestellt: Wenn man eine Münze auf der Strasse findet, ist die Wahrscheinlichkeit, anschliessend hilfsbereit zu sein, viermal so hoch wie ohne dieses kleine Glückserlebnis. Es gibt also einen Zusammenhang zwischen dem Gefühl, beschenkt zu werden und der Bereitschaft, anderen zu helfen. Wer bekommen hat, ist viel eher bereit, auch wieder etwas zu geben. Vielleicht sollte man hin und wieder einfach ein paar Geldstücke auf die Strasse werfen, die Leute wären dann hilfsbereiter und wir hätten eine bessere Welt!

Genau an diesen Effekt appelliert Paulus bei den Korinthern. Anstatt mit einer Drohung oder mit moralischen Appellen daherzukommen, erinnert er sie daran, wie reich sie selber durch Gott beschenkt wurden. Es soll bei einer Spende nicht darum gehen, Gott zufriedenzustellen. Sondern einfach darum, die eigene Dankbarkeit für all das Gute, dass einem selber beschert worden ist, zum Ausdruck zu bringen. Grosszügigkeit ist also nicht die Bedingung für Gottes Zuwendung und Gnade, sie ist vielmehr Ausdruck von grosser Freude und Dankbarkeit, also eine Folge von Gottes Güte. Insofern ist sie auch eine Glaubenshaltung. Darum ist es auch so wichtig, dass das Geben freiwillig und mit Freude geschieht, unabhängig von der Höhe des Geldbetrages.

So ähnlich ist es auch im Beispiel der armen Witwe im Markusevangelium, die nur 2 Münzen gibt, das aber kommt bei ihr vom Herzen. Die Bereitschaft zu Geben ist also eine Frage der inneren Haltung. Sind wir bereit, etwas zu tun oder zu geben, das bei uns wirklich aus vollem Herzen kommt? Das uns tangiert, ja vielleicht sogar ein bisschen wehtut? Für einen gläubigen Menschen ist das keine Nebensächlichkeit. Das Geben, das Sammeln von Spenden und Kollekten gehört untrennbar zu einem christlichen Gottesdienst. Und da geht es nicht um das Geldscheffeln, wie der Kirche manchmal vorgeworfen wird. Sondern um die Erfüllung eines Gebotes, das in der jüdisch-christlichen Tradition zutiefst verankert ist. Es geht um nichts weniger als um das Erfüllen von Gottes Gerechtigkeit. Gott hat ausgestreut und den Armen gegeben, Gottes Gerechtigkeit bleibt in Ewigkeit, schreibt Paulus. Dies ist immer auch ein Gebot an die menschliche Gerechtigkeit. Das Thema zieht sich durch die Bibel wie ein roter Faden: Von Moses über die Propheten bis hin zu Jesus. Immer wieder heisst es: Brich dem Hungrigen dein Brot! Beherberge den Fremden! Kümmere dich um Witwen und Waisen! Gib dem Obdachlosen Wohnung! Verteile alle 7 Jahre das Land neu, damit alle eine Chance haben. Und Jesus sagt: Was ihr dem Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.

Gerechtigkeit ist also nicht einfach eine Frage des guten Willens. Gerechtigkeit ist Gottes Gebot und somit eine massgebliche Frage des Glaubens.

Doch in unserer Zeit gilt immer mehr: Geiz ist Geil. Das hat weniger mit Armut als ganz einfach mit Neid zu tun. Neulich hat eine Untersuchung ergeben, dass das Scheitern der AHV*-Reform zu einem Teil darauf zurückzuführen ist, dass es 70 Franken monatlich mehr gegeben hätte – aber nicht für die jetzige AHV-Generation. Viele Urnengänger werden gedacht haben: Warum sollten die Jüngeren 70 Franken mehr bekommen, ich aber nicht? Sozialneid nennt man das, und der ist in unserer Gesellschaft ziemlich ausgeprägt. Man ist neidisch auf die Reichen, dass sie mehr haben, aber auch auf die Ärmeren, weil sie vielleicht etwas gratis bekommen – Krankenkassenverbilligungen z.B. oder Arbeitslosengeld, oder Sozialhilfe. Unabhängig davon, ob die Anderen bedürftiger sind als man selber, ob sie die Zuwendung dringen benötigen oder nicht. Nun soll sogar noch die ohnehin knappe Sozialhilfe um 10% gekürzt werden, um – so die Begründung – den Anreiz zum Arbeiten zu erhöhen. Als ob alle Sozialhilfeempfänger einfach nur zu faul zum Arbeiten seien. Ich kenne viele Betroffene, die nichts lieber würden, als sich ihr Geld selber zu verdienen, die werden jetzt zusätzlich bestraft.

Solche Ideen kommen von Menschen, die selber genug haben und so selbstgerecht sind, dass sie über Andere urteilen. Das ist genau so, wie wenn die Christen in Korinth damals gesagt hätten: Die Christen in Jerusalem sollen doch gefälligst arbeiten gehen.

Doch Paulus predigt anstatt Neid und Geiz die Grosszügigkeit als eine Glaubenshaltung.

Seine Botschaft ist Folgende: Wir sind von Gott gesegnet und begnadet, wir sind reich beschenkt. Und zwar nicht nur mit Geld und materiellem Reichtum. Wir dürfen als gesegnete Menschen durchs Leben gehen. Alles, was wir haben – seien es materielle Güter, aber auch unsere Begabungen, unsere Zeit, unsere Ideen, unser Engagement und nicht zuletzt auch unsere Freude und unsere Liebe können wir einsetzen, um Gott damit zu dienen, seinem Reich und seiner Gerechtigkeit. Nicht, um Gott damit zu bestechen. Sondern als freier Ausdruck unseres Glaubens, unserer Freude und Dankbarkeit. Und wir haben allen Grund dafür, dankbar zu sein. Dafür, dass wir leben, dass es uns gut geht und dass wir alles haben, was wir brauchen. Bevor wir bereit sind, zu geben, ist es wichtig, dass wir uns bewusst werden, was wir alles in unserem Leben geschenkt bekommen haben. Dann kann unsere Gabe aus vollem Herzen kommen.

Paulus verwendet hier Begriffe aus Saat und Ernte: Die spärlich säen werden auch spärlich ernten. Und die auf Segen hin säen, werden auch Segen ernten. Gott gewährt den Säenden Saatgut und Brot zur Speise und wird so auch euch Saat geben und vermehren und die Früchte eurer Gerechtigkeit wachsen lassen.

Es ist also ein Gottesgeschenk, dass wir frei und fröhlich geben können. Und das ist der eigentliche Sinn von Erntedank: Gott hat uns das Saatgut gegeben. Es ist an uns, was wir damit machen. Wenn wir nicht damit geizen, sondern es grosszügig säen, wird Gott es wachsen lassen, dass es überreiche Frucht und letztlich Segen bringt. Und wenn wir diese Frucht verteilen, kehrt der Dank schliesslich zu Gott zurück und wird uns zum Segen.

Weil wir viel bekommen haben, haben wir auch viel zu geben. Gott als der Ursprung aller Gaben und allen Reichtums wird unsere Gaben überfliessen lassen und zu einem Segen werden lassen, der uns und anderen zugute kommt.

 

*So heisst in der Schweiz die Rentenversicherung.

 

 

 

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