Die Lücke

Predigt am 25.11.18, Ewigkeitssonntag, Gedenken an die Verstorbenen

Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines lieben Menschen ersetzen kann, und man soll das auch gar nicht versuchen; man muss es einfach aushalten und durchhalten; das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch zugleich ein grosser Trost; denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden. Es ist verkehrt, wenn man sagt, Gott fülle die Lücke aus; er füllt sie gar nicht aus, sondern er hält sie vielmehr gerade unausgefüllt, und hilft uns dadurch, unsere echte Gemeinschaft miteinander – wenn auch unter Schmerzen – zu bewahren. Ferner: Je schöner und voller die Erinnerungen, desto schwerer die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht mehr als einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich. (Dietrich Bonhoeffer)

Der Stuhl, auf dem er immer gesessen hat, ist jetzt leer.

Sie hatte immer ein so schönes Lachen.

Im Altersheim sah man ihn oft in der Eingangshalle sitzen, er war immer zu einem Schwatz aufgelegt.

Sie hat immer für alle so gut gekocht.

Seine Stimme im Chor ist nun verstummt.

Sie hat die Familie zusammengehalten. Jetzt sehen wir uns viel weniger.

Am Abend sassen wir immer zusammen auf dem Balkon.

Im Verein, am Stammtisch bleibt sein Platz leer.

Wir haben immer zusammen gejasst.

Er konnte so gute Witze erzählen.

Ihre Geige wird nicht mehr gespielt.

Ich habe ihn liebevoll gepflegt, jetzt habe ich keine Aufgabe mehr.

Bei fast jedem Todesfall kann man solche oder ähnliche Aussagen hören. Die Verstorbene ist nicht mehr da, sie fehlt von nun an; dort, wo sie gewesen ist, klafft eine Lücke, es tut sich ein Loch auf, dessen Leere uns schmerzlich bewusst wird.

„Der Weggang des Verstorbenen reisst in unser Leben eine Lücke, die wir nicht mehr werden füllen können.“ – So oder ähnlich sage ich es bei fast jeder Beerdigung.

Und so ist es auch: Der Tod eines Angehörigen beschäftigt uns nicht nur, weil sein Leben beendet wurde, manchmal auch für unser Empfinden zu früh. Es ist auch das Gefühl der Leere, des Fehlens, das uns Mühe macht. Wir müssen unser Leben ohne diesen Menschen weiterführen. Und auch wenn die Verstorbene nicht mehr aktiv im Leben stand und nicht mehr wichtige Aufgaben in Familie oder Beruf erfüllte, ruft dieser Weggang bei uns ein Gefühl von Mangel und Leere hervor.

Denn jeder Mensch, unabhängig von seinem Alter, ist Teil von Beziehungen. Unser Leben ist ärmer geworden, wenn ein nahestehender Mensch von uns geht. Der Platz, den dieser Mensch in unserem Leben eingenommen hat, sei es als Ehefrau/Ehemann, Vater oder Mutter, als Tochter oder Sohn, Grossvater, Urgrossmutter, als Schwester oder Bruder, als Verwandte, Freund, Kollegin oder Nachbar wird von nun an leer bleiben. Darum ist es nicht übertrieben zu sagen: In unser Leben wurde eine Lücke gerissen.

Diese Lücke ist nicht einfach nichts. Wir spüren sie, oftmals auch sehr schmerzhaft. Die Lücke macht uns bewusst, was fehlt. Es ist wie eine offene Wunde, die nicht mehr zu verheilen scheint.

Eine Lücke strebt danach, geschlossen oder ausgefüllt zu werden. Doch jeder Versuch, diese Lücke zu füllen, ist zum Scheitern verurteilt. Wir können den verstorbenen Menschen nicht mehr zurückholen, können ihre Anwesenheit, seine Stimme, ihren Charakter oder das, was er für uns getan hat, nicht mehr herbeiholen. Er lässt sich auch nicht durch andere Menschen vollständig ersetzen. Dieser Mensch in seiner Einzigartigkeit ist nicht mehr da. Auch die Hoffnung auf ein Wiedersehen in einer anderen Welt kann den Verlust nicht wirklich aufwiegen. Die Lücke bleibt offen.

Dietrich Bonhoeffer hat in seinem Text das Empfinden dieser Lücke sehr gut beschrieben. Er sagt ganz klar: Ein verstorbener Mensch ist unersetzlich. Nichts kann diese Lücke ausfüllen. Man soll auch gar nicht versuchen, sie irgendwie auszufüllen. Man muss sie eben gerade unausgefüllt lassen. Sogar Gott lässt sie unausgefüllt. Auch wenn es schmerzhaft ist, und das sagt Bonhoeffer ganz klar, ist dies wichtig. Man muss es einfach aushalten und durchhalten, auch wenn das hart klingt. Denn gerade durch diese unausgefüllte Lücke bleiben wir mit den Verstorbenen verbunden. Die Lücke hilft uns, unsere echte Gemeinschaft miteinander zu bewahren.

Das klingt paradox: Wie sollen wir gerade durch eine offene Lücke mit den Verstorbenen verbunden sein? Doch Bonhoeffer warnt sogar davor, die Lücke irgendwie füllen zu wollen.

Es gibt Menschen, die versuchen, die Lücke verzweifelt zu füllen: z.B. mit übertriebenen Aktivitäten; man stürzt sich ins Leben, als gäbe es kein Morgen. Man erstickt seinen Schmerz mit Arbeit oder übertriebenem Konsum. Man nimmt sich keine Zeit, um nachzudenken und zu spüren, sondern lenkt sich ab, gibt der Trauer keinen Raum in seinem Leben.

Doch da gibt es auch das Umgekehrte: Man versucht die offene Lücke zu füllen mit Trauer. Man kann nicht aufhören, an den Verstorbenen zu denken, die Wohnung ist voll von Gegenständen und Bildern, die an ihn erinnern. Die Urne ist vielleicht sogar zuhause aufgestellt, oder die Grabpflege ist zur täglichen Hauptbeschäftigung geworden. Andere Dinge und Menschen haben im Leben keinen Platz mehr. Wenn man auch Monate nach dem Todesfall nicht aufhören kann, so intensiv zu trauern, bedeutet das, nicht loslassen zu können. Man hält krampfhaft fest am Schmerz, will den Verstorbenen nicht wirklich gehen lassen, kann einfach nicht akzeptieren, dass er nicht mehr da ist.

Beides sind untaugliche Versuche, die Lücke zu füllen: Die Trauer verdrängen oder krampfhaft an ihr festhalten.

Gesunde Trauer, wie es Bonhoeffer versteht, sieht anders aus: Wir sollen und dürfen wieder am Leben teilnehmen, wir dürfen auch wieder fröhlich sein und lachen, uns anderen Dingen zuwenden, Neues beginnen – vielleicht auch eine neue Partnerschaft eingehen, sich Menschen suchen, um die man sich kümmern kann, neue Jasskollegen suchen und vieles mehr. Doch dies alles im Bewusstsein, dass die Lücke einfach immer da ist. Jeder Mensch, der jemanden verloren hat, trägt eine solche Lücke in seinem Herzen. Es geht darum, sie wahrzunehmen, ohne sie krampfhaft ausfüllen zu wollen. Sich dem Schmerz zu stellen, ohne sich von ihm übermannen zu lassen. Sich dem Leben zuzuwenden, ohne die Verstorbene zu vergessen. Gesunde Trauer bedeutet: zu lernen, mit dieser Lücke zu leben, sie offen halten, ihr Raum geben. Denn gerade wenn sie leer und offen bleibt, kann sie sich mit Inhalt füllen.

Bonhoeffer spricht von der Dankbarkeit. Dafür, dass man diesen Menschen kennen durfte, dass man viele schöne Stunden und Zeiten mit ihm erleben durfte, Dankbarkeit für alles, was dieser Mensch einem gegeben hat oder was man ihm selber geben durfte, Dankbarkeit für das gemeinsame Leben.

Zur Dankbarkeit möchte ich die Liebe hinzufügen. Man hört nicht auf, einen Menschen zu lieben, nur weil er gestorben ist. Und man muss auch nicht aufhören, sich von ihm geliebt zu fühlen. Die Liebe bleibt, denn sie ist stärker als der Tod.

Schliesslich sind es die schönen Erinnerungen an gemeinsam gelebtes Leben, an gute Begebenheiten, vielleicht auch nur an Augenblicke, die gut und stimmig waren.

Die Dankbarkeit, die Liebe und die Erinnerungen können die Qual der Trennung in eine stille Freude verwandeln. Dann trägt man das vergangene Schöne nicht mehr als einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.

Es klingt widersprüchlich: Man soll die Lücke unausgefüllt lassen, erst dann kann sie ausgefüllt werden mit etwas Kostbarem. Ich versuche mir das so vorzustellen: Wie ein Loch im Asphalt, in dem plötzlich eine Blume wächst. Nur durch dieses Loch ist es möglich, dass da etwas wachsen kann. Wenn wir also die Lücke in unserem Herzen bewusst offen halten, dann besteht die Chance, dass darin etwas wachsen und erblühen wird.

So lasst uns weitergehen durch unser Leben als Menschen mit einer offenen Lücke in unseren Herzen. Lasst uns offen bleiben, damit das kostbare Geschenk aus Liebe, Dankbarkeit und schönen Erinnerungen in uns wachsen und blühen kann. Gott wird uns dabei helfen. Amen.

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