Wacht und betet!

Besinnliche Worte zum Karfreitag 2020

Darauf kam Jesus mit ihnen zu einem Grundstück, das man Getsemani nennt, und sagte zu den Jüngern: Setzt euch hier, während ich dorthin gehe und bete! Und er nahm Petrus und die beiden Söhne des Zebedäus mit sich. Da ergriff ihn Traurigkeit und Angst, und er sagte zu ihnen: Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht mit mir! Und er ging ein Stück weiter, warf sich auf sein Gesicht und betete: Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst. Und er ging zu den Jüngern zurück und fand sie schlafend. Da sagte er zu Petrus: Konntet ihr nicht einmal eine Stunde mit mir wachen? Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet! (Matthäus 26, 36-41)

Die seelische Not Jesu ist gross in diesem Moment. Er weiss, dass ihm schreckliches Leiden bevorsteht. Er ist überzeugt, dass er sich diesem Leiden stellen muss. Und er stellt sich jetzt auch seiner Traurigkeit und seinen Ängsten. Er läuft nicht vor ihnen davon, sondern bringt sie bewusst vor Gott. Das schafft ihm Erleichterung, auch wenn er weiss, dass Gott diesen Kelch nicht von ihm abwenden kann.
In dieser schweren Stunde braucht Jesus nicht nur das Gespräch mit Gott. Er braucht auch ganz konkret den Beistand seiner Jünger. Doch zu seiner grossen Enttäuschung findet er sie schlafend.

Meine Seele ist zu Tode betrübt. – Es gibt jetzt auch bei uns Menschen, die das von sich sagen können. Menschen, die sich einsam fühlen, die grosse Angst vor einer Ansteckung haben, die in Sorge um Angehörige sind, beruflich mit ihren Kräften an Grenzen stossen, die fürchten, ihre wirtschaftliche Existenz zu verlieren oder denen das Zuhausebleiben in einem engen Umfeld unerträglich wird. Oder sogar Menschen, die erkrankt sind oder einen nahen Mitmenschen verloren haben.

So ergeht der Auftrag „Bleibt hier und wacht mit mir!“ auch an uns. Es gilt, mitfühlend und wachsam zu sein gegenüber dem Leiden unserer Mitmenschen, gerade wenn wir selber etwas weniger schwer betroffen sein sollten von den Schwierigkeiten dieser Zeit.
Denn jetzt kommt ein ganz spezieller Zug des Christentums besonders deutlich zum Ausdruck: Der Gott, von dem uns die Passionsgeschichte Zeugnis gibt, ist ein Gott, der bei den Leidenden ist und sie nicht alleine lässt. Darum sind wir jetzt dazu aufgerufen, zu fragen, was wir in dieser schwierigen Zeit tun können, um füreinander da zu sein.

Gerade jetzt, wo keine gemeinsamen Veranstaltungen mehr möglich sind, geht es darum, auf andere Art kirchliche Gemeinschaft zu leben. Das ist durchaus möglich, indem wir uns umeinander sorgen, füreinander „wachen und beten“, das heisst also, einander nicht allein zu lassen, auch wenn ein physisches Beisammensein nicht möglich ist. Auch und gerade jetzt kann Kirche zu einem Ort werden, an dem das Wohl der Schwachen im Mittelpunkt steht. Denn die Gemeinschaft aller Christinnen und Christen war schon immer ein unsichtbares Band, das die ganze Welt umfasste. So wie es uns mit Glaubensgeschwistern in der ganzen Welt verbindet, das Unservater zu beten, so kann es eine Art geistliche Energie geben, wenn wir in der Not einander beistehen.
So können wir mit guten Gedanken oder im Gebet, mit Telefonanrufen oder Gesprächen über die Balkonbrüstung, mit konkreten Hilfeleistungen oder Spenden für die Mitmenschen da sein, die uns jetzt brauchen. Seien es die eigenen Eltern oder Verwandte, Nachbarn oder auch unbekannte Menschen weit weg, in anderen Ländern und Teilen dieser Erde.

So ist die Bitte Jesu „Bleibt hier und wacht mit mir“, ausgesprochen in tiefster seelischer Not, ein Appell an uns, nicht zu schlafen, wenn Menschen uns brauchen.
Wenn wir in diesen Tagen dem Leidensweg Jesu gedenken, kann der Gott in uns lebendig werden, der nicht ein ferner Weltenlenker ist, sondern ein Gott, der gerade mit den Leidenden ist und ihnen in tiefster Not beisteht.

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