Der du die Zeit in Händen hast…

Predigt am 31.12.20/01.01.21 zum Liedtext „Der du die Zeit in Händen hast

Der du die Zeit in Händen hast,/ Herr, nimm auch dieses Jahres Last/ und wandle sie in Segen./ Nun von dir selbst in Jesus Christ/ die Mitte fest gewiesen ist,/ führ uns dem Ziel entgegen.

„Nimm auch dieses Jahres Last…“ – Beim Lesen der Strophen bin ich an dieser Zeile hängen geblieben. In letzter Zeit wird viel davon gesprochen, dass das Jahr 2020 ein schwieriges, belastetes Jahr war. Kein Wunder, stand es doch ganz im Zeichen der Pandemie. Spätestens seit Anfang März hat sie unser Leben durcheinandergebracht. Und auch das Jahresende ist stark von diesem Thema geprägt. Es ist also verständlich, dass häufig gesagt wird, das 2020 sei ein Jahr gewesen zum „Ghüdere“, zum Wegschmeissen, viele Menschen hätten es am liebsten, wenn man es löschen könnte wie ein Text am Computer, die Delete-Taste drücken und dann wäre es für immer vorbei und vergessen. Solche Gedanken sind nachvollziehbar. Das vergangene Jahr stand wohl wirklich nicht unter einem guten Stern.

Und doch möchte ich diesem Jahr nicht unrecht tun. Ich möchte es nicht einfach aus meinem Gedächtnis tilgen. Ich halte es lieber mit dem Liedtext, in dem es heisst: Herr, nimm auch dieses Jahres Last/ und wandle sie in Segen. Auch wenn es Schweres gab in diesem Jahr, wenn wir Belastendes erlebt haben, lohnt es sich doch, zurückzuschauen auf das Jahr 2020 und genauer zu betrachten, was es für uns auch an Gutem bereithielt.

Ich möchte Sie bitten, jetzt einmal zurückzuschauen und kurz über die folgenden Fragen nachzudenken:

  • Welche schönen, aussergewöhnlichen und erfreulichen Ereignisse hielt das Jahr 2020 für Sie bereit? An welche besondere Zeiten, Tage und Momente denken Sie mit glücklichen  Gefühlen zurück?
  • Was an Überraschendem, Neuem, Staunenswertem hat Ihnen diese Zeit beschert? Welche neuen Entdeckungen konnten Sie in diesem Jahr machen? Konnten Sie etwas in einem neuen Licht betrachten? Haben sich neue Gewohnheiten und Alltagsroutinen ergeben, die Sie nicht mehr missen möchten?
  • Welche neuen zwischenmenschlichen Erfahrungen durften Sie machen? Haben Sie erlebt, dass Beziehungen sich vertiefen? Sind Sie aufmerksamer geworden für Ihre Mitmenschen? Waren Sie vermehrt für andere da oder waren andere mehr für Sie da? Haben Sie neue Wege gefunden, trotz Kontaktbeschränkungen Beziehungen zu pflegen?
  • Was haben Sie in diesem Jahr gelernt? Vielleicht haben Sie gelernt, mit dem Unvorhersehbaren umzugehen und kreativ auf neue Situationen zu reagieren? Sind Sie flexibler geworden, wenn es darum ging, umzuplanen, auf etwas zu verzichten? Haben Sie gelernt, das Unabwendbare zu akzeptieren und das Beste draus zu machen? Mussten Sie sich im Loslassen üben und konnten dabei vielleicht auch so manchen Ballast hinter sich lassen?
  • Haben Sie gelernt, das Leben mehr zu schätzen? Sind Sie für die vermeintlichen Selbstverständlichkeiten des Lebens aufmerksamer und dankbarer geworden? Haben Sie neue Schönheiten in Ihrem Leben entdeckt?
  • Haben Sie vielleicht auch besonders schwere, mühsame, angstvolle oder traurige Zeiten erlebt; waren Sie selber von Krankheit betroffen oder haben Sie gar jemanden verloren? Haben Sie gelernt, solche Zeiten zu bewältigen? Sind Sie stärker, widerstandsfähiger und auch sensibler, „gpüriger“ geworden? Was hat Ihnen in den dunkelsten Stunden geholfen? Können Sie aus diesen Erfahrungen etwas mitnehmen für ihr weiteres Leben?
  • Haben Sie einen vertierteren Blick auf das Leben bekommen? Haben Sie sich vermehrt auseinandergesetzt mit Themen wie Verletzlichkeit, Krankheit, Sterblichkeit, Tod? Sind Sie dabei den Sinnfragen des Lebens ein Stück weit näher gekommen? Haben Sie einen vertiefteren Zugang zu Glaubensfragen bekommen? Hat Ihre Beziehung zu Gott sich verändert?

Man könnte noch viele solche Fragen stellen. Vielleicht nehmen Sie sich zuhause noch einen Moment Zeit, um dem nachzugehen.

Wir alle haben in diesem Jahr besondere Erfahrungen gemacht, mit denen wir noch vor einem Jahr niemals gerechnet hätten. Und wie unterschiedlich wir auch diese Zeit erlebt haben mögen – eines ist klar: Wir alle haben Aussergewöhnliches bewältigt, und darauf können wir stolz sein!

All das können wir unter das Motto des Liedes stellen:

Der du die Zeit in Händen hast,/ Herr, nimm auch dieses Jahres Last/ und wandle sie in Segen.

Wenn wir all das, was wir erlebt haben, in Gottes Hände legen, kann sich auch das Schwerste in Segen verwandeln.

ZWISCHENSPIEL

Und das neue Jahr? Die Zeit, die noch unberührt vor uns liegt? Wir wissen nicht, was die nächsten 12 Monate bringen werden.

Wir haben ja erlebt, dass viele Pläne und Vorhaben zunichte werden können, dass das Leben, das gerade noch so ruhig und verlässlich verlaufen ist, von heute auf morgen durcheinandergebracht werden kann. Warum sollte es im Jahr 2021 anders sein? Wir leben immer noch in einer höchst ungewissen Situation. Vielleicht haben wir uns inzwischen etwas daran gewöhnen können, so dass das Unvorhergesehene schon fast zur Routine geworden ist. Wohl etwas vom Wichtigsten, das wir im Jahr 2020 gelernt haben ist die Tatsache, dass nichts im Leben wirklich vorhersehbar und planbar ist.

Diese Erkenntnis finden wir bereits im Neuen Testament. Im Jakobusbrief stehen folgende Verse:

Nun ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen, – und wisst nicht, was morgen sein wird. Was ist euer Leben? Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet. Dagegen solltet ihr sagen: Wenn Gott will, werden wir leben und dies oder das tun.

Der Apostel Jakobus stellte vor fast 2000 Jahren eine Frage, die heute wieder brandaktuell ist, er fragte: „Was ist euer Leben?“ Und dann sagt Jakobus ein hartes Wort: „Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet.“ Ja, es ist wirklich so: Unser Leben ist begrenzt, vergänglich, zerbrechlich, und gerade daher ist es kostbar. Das haben wir wohl kaum in dieser Deutlichkeit erlebt wie im vergangenen Jahr. Wir können auch mit Plänen unser Leben nicht einfangen und festhalten, und schon gar nicht um eine Minute verlängern. Doch Jakobus geht es nicht einmal so sehr um unsere Vergänglichkeit. Die Frage: Was ist euer Leben? beinhaltet vor allem die Frage nach dem erfüllten Leben. Was ist wirklich wichtig in unserem Leben, was macht das Leben lebenswert und sinnvoll? Können unsere Pläne uns wirklich dabei helfen, erfülltes, sinnvolles Leben zu finden? Und was, wenn diese Pläne durchkreuzt werden?

Was also machen wir, wenn ein Jahr vor uns liegt, das nicht wirklich planbar ist? Jakobus liefert darauf die passende Antwort: Dagegen solltet ihr sagen: Wenn Gott will, werden wir leben und dies oder das tun. – „So Gott will…“ – diesen Spruch sollten wir wohl häufiger sagen, wenn wir etwas planen. So Gott will – das heisst: Wir akzeptieren, dass es auch anders kommen kann und nehmen das aus Gottes Hand, was kommt. Wir können das auch „Gottvertrauen“ nennen.

Denn das konnten wir lernen im vergangenen Jahr: Es kann alles anders kommen – und trotzdem kann es gut kommen. Wir konnten uns eine Reserve an Flexibilität und Gottvertrauen zulegen, um das zu akzeptieren, was ist, und das Beste daraus machen.

Wir konnten dabei erfahren, dass der Boden, auf dem wir stehen, selbst wenn er zeitweise  ins Wanken gerät, uns trotz allem trägt. Sonst wären wir jetzt nicht hier. So Gott will, das bedeutet nichts Geringeres, als all die Ungewissheiten in Gottes Hände zu legen, im Vertrauen darauf, dass Gott auch das Schwierige in Segen verwandeln kann.

So können wir zuversichtlich ins neue Jahr gehen und uns dabei leiten lassen von der letzten Strophe des Liedes:

Der du allein der Ewge heisst/ und Anfang, Ziel und Mitte weisst/ im Fluge unsrer Zeiten:/ Bleib du uns gnädig zugewandt/ und führe uns an deiner Hand,/ damit wir sicher schreiten.

Ein Gedanke zu “Der du die Zeit in Händen hast…

  1. Hallo Nicole
    Wer sagt „Heute und morgen wollen wir“, vergisst leicht, dass seine Durchlauf-Zeit auf Erden begrenzt eingeplant wurde, und schnell zu Ende sein kann. Es geht nicht darum, was wir alles hier wollen und erreichen können, weil alles von Gott abhängt. Also mit „Wenn Gott will“, dann haben wir die richtige und passende Einstellung für die Realität in der wir leben. Es ist so wie du sagst, dann reagieren auf Veränderungen anders, als jemand der Gott ignorierend immer nur haben oder machen will. Wer Gott in seinen Schritten nicht bewusst einplant, macht sich schon bald selbst zu Gott oder zum Sklaven anderer Götter. … All dies macht uns um so mehr deutlich, wo wir unsere Pläne, Gewinne und Schätze machen sollten …

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