Weihnachten, vielleicht…

Predigt am 25.12.2021

Weihnachten, vielleicht….

Den Mut der Hirten haben
einfach aufstehen und losgehen
nur weil abenteuerliche Gestalten
mitten in der Nacht
vom Frieden auf Erden reden

– es könnte doch immerhin sein,
dass wir ein Teil dieses Friedens werden

Die Sehnsucht der Könige haben
weiter und immer weiter ziehen
durch Wüsten und übers Gebirge
nur einem Stern hinterher
der heller leuchtet als andere
und sich ins Herz brannte

– es könnte doch immerhin sein,
dass wir ankommen an heiligem Ort

Die Freiheit der Maria haben
ja zu sagen zum Leben und zum Licht
das zur Welt kommen will
gegen alle Konventionen
und gegen die Sicherheiten der festen Ordnung

– es könnte doch immerhin sein
dass dieses Kind der Träumer einer neuen Welt wird

Die Liebe der Menschen haben
die ihren letzten Stall gaben
gegen die Kälte der Nacht und der Welt
nur weil sie mitfühlten mit der Familie
ohne wärmendes Dach

– es könnte doch immerhin sein
dass uns letztlich das wärmt, was wir gaben.

Weihnachten ist vielleicht das Wagnis
das Andere zu träumen und zu glauben
und die Hoffnung nicht aufzugeben
in der dunkelsten Nacht.

(Aus: Friederike Hempel, Du dunkles Licht, Echter Verlag Würzburg 2021)

Eigentlich wollte ich heute über die Hoffnung predigen. Denn Hoffnung ist ja das weihnachtliche Thema schlechthin.

Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Was wollen diese Worte anderes auslösen als Hoffnung? Die Verheissung einer grossen Zukunft für die Menschheit, verkündigt durch einen Engel, begleitet vom Chor der himmlischen Heerscharen.

Doch ich muss gestehen, dass ich in letzter Zeit etwas Mühe habe mit dem Begriff Hoffnung.

Ich glaube, noch nie in meinem Leben wurden Hoffnungen so sehr zerschlagen wie in diesem Jahr. Nicht nur bei mir, ich denke, bei den meisten Menschen. Das Ende der Pandemie schien greifbar zu sein. Doch jetzt ist alles wieder anders, und es ist ungewiss, wie es weitergehen wird. An die Stelle von Hoffnungen sind Befürchtungen getreten. Wie kann ich da jetzt noch von Hoffnung sprechen? Wie können wir hoffen angesichts dieser trüben Aussichten?

Und wie soll ich heute von Freude sprechen angesichts eines wieder eingeschränkten Weihnachtsfestes? Wie soll ich vom Licht sprechen, wenn die Prognosen düster aussehen? Wie soll ich sagen: Fürchtet euch nicht, wenn es doch berechtigten Anlass zu Angst und Sorge gibt? Und wie soll ich Frieden unter den Menschen verkündigen, wenn die verschiedenen Ansichten an vielen Orten Gemeinschaften und sogar Familien spalten?

Ich möchte niemandem die Weihnachtsstimmung verderben. Aber Weihnachten bedeutet nicht, alles zu beschönigen. Machen wir uns nichts vor: Wir leben in einer schwierigen Zeit.

Wie sollen wir mit dieser Situation umgehen? Kürzlich habe ich einen Artikel gelesen von einem Infektiologen, der sagte, wir sollen nicht mehr das Ende der Pandemie herbeisehnen. Den Tag X, an dem wir unsere Masken wegwerfen und sämtliche Massnahmen für immer aufheben können, wird es in absehbarer Zeit nicht geben. Hingegen müssen wir lernen, mit der Pandemie zu leben und Strategien entwickeln, um die Situation auf eine gute Art zu bewältigen. Helfen kann uns dabei Demut und Bescheidenheit sowie das Bewusstsein, dass wir es als Gesellschaft nur gemeinsam schaffen können.

Anstatt also auf das grosse Wunder zu warten, das dann wohl doch nicht eintritt, geht es um die Frage: Was kann ich ganz konkret tun, um diese Situation auszuhalten? Was tut mir gut, was brauche ich, um meinen Alltag zu bewältigen? Wie kann ich mich und mein Umfeld am besten schützen? Was kann ich tun, um anderen Menschen beizustehen? Und jetzt ganz konkret: Wie können wir trotzdem auf eine gute Art Weihnachten feiern?

Weihnachten in einer schwierigen Zeit – eigentlich ist das gar nicht so unpassend.

Denn auch Jesus wurde nicht in eine unbeschwerte Zeit hineingeboren. Mitten in der dunkelsten Nacht ist er in einem Stall geboren worden, die Eltern waren unterwegs, ohne feste Bleibe und mussten anschliessend auch noch fliehen. Die ersten Menschen, die von Jesu Geburt erfuhren, waren arme Hirten, die nachts draussen auf dem Feld sein mussten, Menschen am Rande der Gesellschaft. Jesu Geburt war also alles andere als die glorreiche Geburt eines Königs.

Und die Zeiten waren schwierig. Das damalige Palästina war von den Römern besetzt, die Menschen wurden unterdrückt. König Herodes war ein rücksichtsloser Herrscher. Das Volk wartete sehnlichst auf eine Revolution. Es hoffte auf den Messias, der ihnen endlich Befreiung bringen sollte.

Jesus wurde also in eine Welt hineingeboren, die geprägt war von Not und Gewalt. Sein Leben war von Anfang an bedroht und gefährdet. Und wir alle wissen: Es endete dann auch gewaltsam. Wegen seiner Botschaft wurde Jesus ans Kreuz genagelt und starb als Verbrecher.

Es war also eine finstere Zeit. Dazu passt die finstere Nacht, in die Jesus hineingeboren wurde.

Und auch nach seiner Geburt ist die Welt nicht heil geworden. Die Unterdrückung durch die Römer ging weiter, Not und Elend hatten kein Ende. Jesus selber konnte dann später einzelnen wenigen Menschen helfen. Seine Predigten und Gleichnisse, seine Wundertaten, seine Zuwendung zu Ausgestossenen und Notleidenden waren Zeichen des anbrechenden Gottesreiches. Seine Botschaft wurde nach seinem Tod weitererzählt. Der Glaube an seine Auferstehung und seine Zusage: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende hat den Menschen immer wieder Mut gemacht. So können die Zeichen, die Jesus hinterlassen hat, bis heute weiterwirken. Der Glaube, dass in Jesu Geburt Gott selber Mensch geworden ist, trägt uns bis heute und macht es möglich, dass wir eine enge Beziehung zu einem menschlichen, barmherzigen Gott pflegen können.

Und doch: Wir leben nicht in einer heilen Welt.

Mein Vater, der im zweiten Weltkrieg Schreckliches erlebt haben muss, pflegte immer zu sagen: Jesus ist gekommen – aber wo ist nun das Heil, das uns verheissen wurde? Heute würde ich ihm antworten, dass die Weihnachtsgeschichte kein einmaliges Ereignis ist, das vor 2000 Jahren stattgefunden hat. Sie ist nicht Vergangenheit, sondern Gegenwart, sie ereignet sich immer wieder, denn ihre Wahrheit ist zeitlos. Sie ereignet sich dann, wenn wir an sie glauben und sie jedes Jahr immer wieder feiern.

Und das bedeutet, auch in schwierigen Zeiten, nicht aufzuhören zu hoffen.

Somit wird Weihnachten auch in einer schwierigen Situation nicht sinnlos, ganz im Gegenteil: Gerade jetzt bekommt Weihnachten seine wahre Bedeutung.

Denn an Weihnachten feiern wir das Licht, das in die tiefste Dunkelheit gekommen ist, wir feiern das „Fürchtet euch nicht“ und die Hoffnung, die auch in schwieriger Zeit nicht aufhört. Weihnachten bedeutet, trotzdem zu hoffen, ja, Weihnachten ist das grosse „Trotzdem“ in den Dunkelheiten und Verwerfungen dieser Welt. Trotz alledem gibt es Anlass zur Hoffnung, dass das Licht die Finsternis durchbricht und dass das Gute, Helle und Schöne trotz allem möglich ist. Wir feiern, dass Gott Mensch, also einer von uns geworden ist. Das bedeutet: Gott ist mit uns, gerade jetzt, in dieser schwierigen Zeit, nicht trotzdem, sondern gerade deswegen. Denn Gott geht mit uns durch alle Unsicherheiten und Schwierigkeiten, durch die Dunkelheiten dieser Welt hindurch.

Es gilt jetzt, das „andere“ zu sehen, das auch noch da ist, jenseits aller Zahlen, Wellen, Massnahmen, Ängste, Sorgen und gesellschaftlichen Verwerfungen. Das Andere, das ist das Göttliche, Transzendente. So wie die Engel aus dem Himmel zu den Hirten gekommen sind, so kann auch bei uns diese andere Sphäre in unserem Leben spürbar werden, wenn wir nur offen dafür sind. Wenn wir nicht aufhören, trotz allem zu glauben und zu hoffen. Und sei es auch nur ganz zaghaft, wie eine Ahnung.

Das Gedicht, das ich vorhin vorgelesen habe, hat mir geholfen, diesen Gedanken zu fassen.

Bezeichnend ist der Titel: Weihnachten, vielleicht. Es geht hier nicht um Gewissheiten, es geht um ein Vielleicht. Es geht um Mut, Sehnsucht, Freiheit und Liebe, welche die Menschen aufbringen, um die Weihnachtsgeschichte erst möglich zu machen.

Und dann heisst es immer wieder: Es könnte doch immerhin sein….  Dass wir ein Teil dieses Friedens werden… dass wir ankommen am heiligen Ort … dass dieses Kind der Träumer einer neuen Welt wird…  dass uns letztlich das wärmt, was wir gaben.

Es könnte doch immerhin sein…  vielleicht…

Es geht hier also nicht um harte Fakten, Zahlen und Daten. Es sind Hoffnungen, Ahnungen, Haltungen, Träume. Es geht darum, etwas möglich zu machen, weil man daran glaubt.

Weihnachten ereignet sich also, wenn wir wagen – wenn wir sehnen – wenn wir glauben – wenn wir lieben – wenn wir hoffen.

Am Schluss heisst es:

Weihnachten ist vielleicht das Wagnis
das Andere zu träumen und zu glauben
und die Hoffnung nicht aufzugeben
in der dunkelsten Nacht.

Eigentlich wollte ich heute über die Hoffnung predigen. Ach, jetzt habe ich es ja doch getan!

Gehen wir also das Wagnis ein, auch an diesem Weihnachtsfest, die Hoffnung nicht aufzugeben. Amen.

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