Und führe uns nicht in Versuchung…

Predigt über Matthäus 6, 9-13, gehalten am 14.01.18

„Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“ – Diesen Satz beten wir in jedem Gottesdienst, verbunden mit der gesamten Christenheit auf der ganzen Welt. Neuerdings wird dieser uralte Satz, formuliert vor fast 2000 Jahren, in den Medien diskutiert.

Der Papst höchstpersönlich hat das lanciert. Dieser Bibelvers sei falsch übersetzt, so behauptet er. Es dürfe nicht heissen: Führe uns nicht in Versuchung, sondern: Lasse uns nicht in Versuchung geraten. Nicht Gott sei es, der in Versuchung führe, sondern der Satan. Auf Geheiss des Papstes wurde in einigen Ländern und Sprachen die Formulierung im Unservater angepasst. In den deutschsprachigen Kirchen scheint dies nicht der Fall zu sein. Ich bin froh darüber, denn ich bin mit dem Papst ganz und gar nicht einverstanden.

Ich finde zwar vieles gut, was Papst Franziskus tut und sagt – er lebt sein Papst-Sein in einem ganz neuen, einem sozialen, menschlichen Stil, der viele Hoffnungen weckt. Doch für mich als Reformierte ist es ein Unding, dass ein einzelner Mensch Stellvertreter Christi auf Erden sein sollte. Deswegen werde ich auch einem fortschrittlichen Papst gegenüber immer kritisch bleiben.

Ausserdem ist die Übersetzung und Exegese der Bibeltexte ja ein Spezialgebiet der protestantischen Theologie. Bereits viele Theologen (und seit knapp 100 Jahren auch Theologinnen) haben sich über die richtigen Übersetzungen den Kopf zerbrochen. Vom griechischen Urtext her gibt es keinen Grund, den Wortlaut dieses Verses zu ändern. Noch mehr aber irritiert mich die sachliche Argumentation des Papstes. Gott tut so etwas nicht, sagt der Papst, Gott führt nicht Menschen mit Absicht in die Versuchung hinein. Der Satz entspricht also nicht seinem Gottesbild. Aber ist es legitim, einen Bibeltext und sogar ein uraltes Gebet zu ändern, nur weil man mit dem Inhalt nicht ganz einverstanden ist? So gesehen könnten wir vieles in der Bibel in Frage stellen. Viele Bibelstellen präsentieren ein Gottesbild, das finster oder gar grausam ist und mit anderen Bibelstellen im Widerspruch steht. Sollten wir sie alle ändern zugunsten eines freundlicheren Gottesbildes? Ändern wir in Zukunft die Bibeltexte nach Belieben oder setzten wir uns weiterhin mit ihnen kritisch auseinander, auch wenn sie für uns sperrig und anstössig sind? In Bezug auf das Unservater könnten wir ja noch mehr in Frage stellen, z.B.: Ist Gott wirklich unser Vater? Und ist er wirklich im Himmel? Das Unservater ist ein traditionelles Gebet, das in der ganzen Christenheit gebetet wird. Es soll auf Jesus selber zurückgehen. Ich bin der Meinung, wir können uns in diese Tradition hineinstellen, ohne jedes einzelne Wort in Frage zu stellen.

In der Diskussion um diesen Vers geht es um nichts anderes als um das Gottesbild. Wenn der Papst sagt: Es sei nicht Gott, sondern der Satan, der in Versuchung führt, dann ist damit nicht viel gewonnen. Gibt es den Satan überhaupt, oder ist das Böse nicht einfach eine Realität, mit der wir leben müssen? Und wenn es den Satan gibt, warum lässt Gott ihn walten? Hat Gott keine Allmacht? Es dünkt mich allzu bequem, das, was uns nicht gefällt, einfach dem Satan zuzuschieben.

Im Bibelvers ist es ausdrücklich Gott, der die Menschen in Versuchung führt. Und es ist nur eine Nuance, ob Gott die Menschen in die Versuchung hineinführt oder nur geraten lässt.

Die Frage, warum Gott Böses und Leiden zulässt, ist eine uralte Menschheitsfrage. Bei Unglücken fragen wir: Warum hat Gott das zugelassen, und nicht: Warum hat Gott das getan? Doch in beiden Fällen geht es um einen Gott, der die Macht hat, Böses zu verhindern, dies aber nicht tut. Vielleicht können wir dieses Problem nur lösen, indem wir uns Gott ganz anders vorstellen. Sicher nicht als einen Gott, der aktiv ins Geschehen eingreift, sondern vielleicht als den „ganz Anderen“. Das würde bedeuten, das Unverständliche in der Welt so stehen zu lassen und nicht mehr Gott anzulasten.

Doch wenden wir uns dem Begriff „Versuchung“ zu. Was ist das überhaupt: „Versuchung“? Wir kennen den Begriff ja vor allem aus der Werbung: „Die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt“. Die Sahnetorte ist eine Versuchung, wenn man eigentlich abnehmen will. Man gerät in Versuchung, sich das neueste Smartphone zu kaufen, obwohl man es sich eigentlich nicht leisten kann. Die Werbung führt uns fast täglich in Versuchung, irgendetwas zu kaufen. Das ist ihre Aufgabe, damit unsere Wirtschaft floriert.

Doch diese Art der Versuchung hat Jesus wohl nicht gemeint, als er das Unservater formulierte. Die Tatsache, dass dieses Thema in diesem kurzen Gebet aufgeführt ist, besagt, dass es sich um eine zutiefst menschliche Erfahrung handeln muss. Es ist das Leben, das uns täglich in Versuchung führt, damals wie heute. Wenn wir einer Versuchung nachgeben, dann tun wir etwas, das wir eigentlich gar nicht tun wollen, weil es unseren Vorsätzen, unseren Werten widerspricht. Wenn wir also einer Versuchung ausgesetzt sind, dann sind wir im Dilemma zwischen einem momentanen Bedürfnis und einem grundsätzlichen Wert. (Ich will mich gesund ernähren, ich will nicht soviel Geld ausgeben, ich will treu sein, ich will mich ökologisch verhalten, ich will Regeln einhalten usw.) Im Moment der Versuchung sind wir im Zwiespalt zwischen Kopf und Bauch. Der Kopf, also die Vernunft mag hehre Prinzipien haben. Der Bauch, das Gefühl richtet sich nach den momentanen Bedürfnissen z.B. nach Genuss, Anerkennung oder Bequemlichkeit. Geben wir nun unseren innersten Regungen nach oder bleiben wir standhaft und halten uns an unsere Grundsätze? Es kann ein gutes Gefühl sein, einer Versuchung widerstanden zu haben: Ich kann meine innersten Bedürfnisse steuern und meinen Werten treu bleiben. Ich bin nicht willenloses Objekt meiner unbewussten Regungen, sondern kann reflektiert und moralisch handeln. Ich weiss was ich tue und kann auch mal auf etwas verzichten, wenn es sein muss.

Doch wir sollten uns auch nicht selber knechten. Es kann ja auch Spass machen, einer Versuchung nachzugeben. Vor allem dann, wenn es um Kleinigkeiten geht, dürfen wir uns wohl auch mal etwas gönnen. Und wenn es einfach nicht gelingen will, einen guten Vorsatz einzuhalten, dann müssen wir uns fragen, ob der Vorsatz denn wirklich der richtige ist. Kommt er wirklich von mir selber und entspricht meinem Wesen? Tut es mir wirklich gut, dreimal die Woche ins Fitnessstudio zu gehen, oder ist das etwas, das meinen eigentlichen Bedürfnissen widerspricht? Beim inneren Kampf zwischen Kopf und Bauch dürfen wir uns also auch mal zugunsten des Bauchgefühls entscheiden. Wichtig ist, dass wir eine bewusste Entscheidung treffen. Denn eine Versuchung ist immer eine Entscheidungssituation. In jedem Fall geht es darum, eine Balance zu finden in den täglichen Herausforderungen unseres Lebens.

Zu Zeiten Jesu ging es um anderes als um Fitnessstudios und Sahnetorten. In der Bibel wird die Versuchung häufig auch als Prüfung bezeichnet. Es ging um Einhaltung von Gottes Geboten, um das Standhalten im Glauben, um den Mut zum Bekenntnis. Gerade für eine religiöse Minderheit und in Zeiten von Verfolgung waren dies wichtige Themen. Versuchung bedeutet: Hier entscheidet sich etwas. Es geht um Existenzielles. Bleibe ich meinen Grundsätzen treu? Weiss ich immer was ich tue? Bin ich bereit, auch in schwierigen Situationen für meine tiefsten Überzeugungen einzustehen? Kann Gott und können meine Mitmenschen auch dann auf mich zählen, wenn es hart auf hart kommt? Die Bibel erzählt uns von vielen solchen Situationen. Eine davon ist die Versuchung Jesu in der Wüste. Dass Jesus es geschafft hat, diesen Versuchungen zu widerstehen, hat ihn stark gemacht für seinen Auftrag und schlussendlich auch dafür, für seine Überzeugungen zu sterben.

Die Bitte im Unservater hat ja einen wichtigen Nachsatz: Sondern erlöse uns von dem Bösen. Mit Versuchung sind eigentlich Situationen gemeint, in denen man mit dem Bösen konfrontiert wird. Die Vermeidung des Bösen und die Bewahrung davor, in der Konfrontation mit dem Bösen zu scheitern, das ist das eigentliche Anliegen dieses Satzes.

Ich werde also auch in Zukunft den Satz so beten, wie er uns überliefert wurde. Ungeachtet der Frage, ob nun Gott der Urheber der Versuchungen ist oder nicht. In Respekt vor den Versuchungen des Lebens bete ich gerne: Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

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