Krippenspiel

Ansprache bei der Weihnachtsfeier im Altersheim am 21.12.17

Eine Jugendgruppe möchte ein Krippenspiel einstudieren. Die Rollen sind verteilt, Textbuch gibt es keines, es wird spontan gespielt, die Geschichte ist ja allen bekannt. Nun steht die erste Probe an.

Der Bote des Kaisers Augustus erteilt in strengem Ton den Auftrag zur Volkszählung, Maria und Josef ziehen nach Bethlehem, der Wirt weist das Paar ab, seine Herberge sei voll.

Doch mitten im Spiel bricht Peter, der den Wirt spielt ab. „Also eigentlich will ich keinen hartherzigen Wirt spielen, der den armen Leuten die Tür zuknallt. Wenn eine hochschwangere Frau mit ihrem Mann kommt, muss man sie doch hereinlassen. Also ich spiele das jetzt anders. – Kommt nur herein, liebe Leute, ich sehe, die Dame ist in Erwartung und die Nacht ist kalt. Meine Herberge ist zwar voll besetzt, aber ich gebe euch mein Schlafzimmer, ich selber kann ja im Stall übernachten.“ – Da sagt Rolf: „Also in dem Fall möchte ich auch nicht den Boten eines despotischen Kaisers spielen. Ich möchte auch nett zu den Leuten sein. Also: Liebes Volk! Der Kaiser möchte gerne wissen, wie gross sein Volk ist. Darum möchte er euch freundlichst bitten, wenn es euch beliebt, dass jeder in seinen Heimatort gehen soll, um sich dort zählen zu lassen. Kost und Logie sowie die Reisespesen werden selbstverständlich erstattet. Und Familien mit schwangeren Frauen sind natürlich davon ausgenommen. Sie können zuhause bleiben und sich per Internet registrieren lassen.“ „Das gabs doch damals noch gar nicht!“, ruft Heidi dazwischen. – „Ist doch egal, Hauptsache, die heilige Familie hat keine Umstände.“

Da meldet sich Hans, der einen Soldaten des Herodes spielen soll: „ Also dann will ich auch nicht ein Soldat sein, der dem Jesuskind nach dem Leben trachtet. Ich sage einfach: Herodes ist ein gütiger König, der das Jesuskind tatsächlich anbeten will.“ – „Wir spielen eine schönere Weihnachtsgeschichte als die, die in der Bibel steht.“, sagt Heidi. „Allen geht es gut, alle sind nett zueinander, Maria muss nicht hochschwanger nach Bethlehem ziehen und auch nicht in einem Stall gebären, die Hirten müssen sich nicht fürchten, die Soldaten begehen keinen Kindermord, es ist nicht kalt, es ist nicht dunkle Nacht, niemand ist arm. Schliesslich geht es ja um das Jesuskind und um das Volk Gottes. Da wollen wir uns nicht lumpen lassen.“

„Moment!“ ruft da Gaby, die den obersten Engel der himmlischen Heerscharen spielt. „Wenn Maria und Josef nicht nach Bethlehem müssen, wenn Jesus nicht in einem Stall geboren wird, wenn die Hirten nicht arm sind, wenn es keinen despotischen Kaiser Augustus und keinen blutrünstigen Herodes gibt, dann ist die Welt ja bereits perfekt, und dann muss ich ja auch nicht mehr kommen und „Friede auf Erden“ verkündigen. Und die Hirten müssen nicht das Jesuskind suchen gehen, denn sie haben gar keine Sehnsucht nach Frieden und Erlösung. In eine Welt, in der Friede, Freude und Eierkuchen herrschen, muss auch Gott nicht seinen Sohn schicken, um die Welt zu erlösen. Dann ist ja bereits alles in Butter. Dann können wir das Krippenspiel auch gleich ganz bleiben lassen.“

Nun werden alle nachdenklich. „Vielleicht hat es einen guten Grund, warum die Weihnachtsgeschichte genau so erzählt wird, wie wir sie kennen“, sagt Heidi. „Die perfekte Welt, wie wir sie gerne hätten, gibt es nun mal nicht. Es gibt Leid, Gewalt und Armut in der Welt. Es gibt Arme, Obdachlose und Flüchtlinge, einsame und verzweifelte Menschen. Auch heute noch. Und gerade darum ist Jesus in die Welt gekommen. In eine perfekte, paradiesische Welt hätte er nicht kommen müssen. Da hätte es auch nichts zu erlösen gegeben.

„Wartet mal“, sagt Rolf, „Wie steht es im Johannesevangelium? Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht ergriffen. Genau, es heisst ja auch, Jesus ist das Licht der Welt. Und wo kann man Licht sehen? Klar, nur im Dunkeln. Und beim Propheten Jesaja heisst es: Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. In einer Welt, die schon hell ist, braucht es kein Licht, um sie zu erleuchten. Jesus ist in die Welt gekommen, damit wir auch heute noch ein Licht haben, das uns leuchtet, auch wenn es um uns herum manchmal dunkel sein sollte.“

„Genau“, sagt Gaby, „und darum ist es auch wichtig, die Weihnachtsgeschichte so zu spielen, wie sie in der Bibel steht. Jesus ist in unsere Welt gekommen, so wie sie eben ist: in eine dunkle, ungerechte Welt, in der vieles nicht perfekt ist. Nur so konnte seine Botschaft von Frieden und Erlösung wirklich deutlich werden. Nur so konnten die Leute empfänglich werden für Christus und seine Friedensbotschaft.“

„Und das gilt auch für uns“, sagt Hans. „Auch unsere Welt ist noch lange nicht perfekt, auch wenn es uns jetzt besser geht als den Leuten damals. Auch wir sollten seine Botschaft ernst nehmen. Und die wird nur deutlich, wenn wir nichts beschönigen. Also Leute, spielen wir die Weihnachtsgeschichte noch einmal richtig, so wie sie ist.“

Und so spielen sie ihr Krippenspiel: Mit einem despotischen Kaiser Augustus, einer unerbittlichen Volkszählung, einem Wirt, der Maria und Josef die Tür weist, mit armen, verängstigten Hirten in einer dunklen kalten Nacht und einem Engel, der die Botschaft von Frieden und Erlösung in diese unerlöste Welt hineinspricht. Und mit einem grossen, strahlenden Licht, das von der Krippe ausgeht und die ganze Szenerie hell erleuchtet.

Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht ergriffen.

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