Was ist der Mensch?

 

Predigt am 16.09.18

Gott, wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast:  Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? (Ps. 8, 4-5)

„Was ist der Mensch?“

Eine schwierige Frage. Man kann dieses Thema von verschiedenen Seiten her angehen. Wir können den Menschen betrachten aus biologischer Sicht: Wie ist der Körper des Menschen aufgebaut und wie funktioniert er? Oder psychologisch: Wie funktioniert die Seele des Menschen? Was geht in seinem Inneren vor? Oder evolutionsbiologisch: Der Mensch hat sich aus dem Affen entwickelt. Wie hat ihn das geprägt? Historisch: Man untersucht den Verlauf der Menschheitsgeschichte. Kulturhistorisch: Welche verschiedenen Kulturen gibt es, wie haben sich diese entwickelt? Soziologisch: Man untersucht das Verhalten der Menschen untereinander.

Das sind nur einige Beispiele, wie man sich der Frage: Was ist der Mensch? annäheren kann. Alle Zugänge haben ihre Richtigkeit, alle betrachten den Menschen aus einer bestimmten Perspektive heraus. Will man eine umfassende Antwort auf diese Frage finden, muss man möglichst alle Perspektiven auf den Menschen berücksichtigen. Uns interessiert heute in diesem Gottesdienst natürlich vor allem der biblische Zugang zu dieser Frage: Welche Antworten liefert die Bibel? Welches Menschenbild vertritt die jüdisch-christliche Tradition?

So werfen wir einmal einen Blick in die Bibel, und zwar dorthin, wo von den Anfängen, der Schöpfung des Menschen gesprochen wird. Es gibt ja zwei Schöpfungsberichte, die verschieden über die Erschaffung des Menschen erzählen. Im ersten Schöpfungsbericht hört sich das so an:

Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei…Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. (Gen. 1, 27)

Im zweiten Schöpfungsbericht heisst es: Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. (Gen. 2,7)

Was sagen uns diese beiden Verse zur Frage: Was ist der Mensch?

Der zweite, ältere Schöpfungsbericht sieht das so: Der Mensch ist aus Erde gemacht, d.h. er ist ein Teil der Erde. „Du bist Erde und wirst zu Erde werden“, heisst es an späterer Stelle. Der Name Adam kommt vom Wort Adamah, und das heisst Erdboden.

Doch der Mensch ist nicht nur Materie, er ist mehr als das. Nachdem Gott den Menschen aus Erde geformt hat, bläst er ihm seinen Atem in die Nase. Erst so kann der Mensch ein lebendiges Wesen werden.

Im anderen Schöpfungsbericht wird das nicht so plastisch beschreiben, es heisst da nur: Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, als Wesen, das ihm gleich ist.

Was bedeutet das nun für das Menschenbild? Erstens: Wir tragen Gottes Atem in uns; das, was uns lebendig macht, kommt direkt von Gott. Ein Teil von Gott ist ständig in uns und erhält uns am Leben. Zweitens: Wir sind Gottes Ebenbilder, wir sind Gott gleich.

Und diese Feststellung gilt für alle Menschen, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Alter, Herkunft, Religion, Kultur, Fähigkeiten, moralischem Verhalten, Weltanschauung, Entwicklungsstand, Veranlagungen und Lebenssituation. Alle Menschen sind gleich, jeder Mensch, der auf dieser Erde lebt ist Gottes Ebenbild.

Von diesem Gedanken sind auch die Menschenrechte abgeleitet, die von dem Grundsatz ausgehen: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Der Begriff der Menschenwürde und die Gottebenbildlichkeit sind eigentlich das gleiche, einmal weltlich und einmal religiös ausgedrückt.

Bevor wir den Gedanken weiterspinnen, schauen wir doch auch noch ins Neue Testament.

Jesus hat den Gedanken eingeführt, dass Gott unser Vater ist. Das bedeutet nichts anderes als: Wir sind Gottes Kinder, Gottes Töchter und Söhne. Im 1. Johannesbrief heisst es:

Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!

Wir sind also nicht nur Gottes Ebenbilder, wir sind seine Töchter und Söhne. Das bedeutet, dass wir Anteile von Gott in uns tragen. So wie ein Mensch die Gene seiner leiblichen Eltern in sich trägt, so haben wir Teile von Gott in uns. Man könnte auch sagen: Einen göttlichen Funken oder einen göttlichen Kern. Es bedeutet nichts anderes als: Gott ist in uns. Tief in uns drin sind wir Gott. Wir Menschen sind göttlich. Und zwar alle.

Das ist ein schöner, aber auch ein schwieriger Gedanke. Wenn ich mir manche Menschen so ansehe, fällt es mir schwer, zu akzeptieren, dass wirklich alle göttlich sein sollen. Ich denke z.B. an die Menschen, die gegen Flüchtlinge demonstrieren und dabei rufen: „Lasst sie ersaufen“. Oder auch nur, wenn ich Kommentare in den sozialen Medien lese, die andere Menschen aufs unflätigste weit unter der Gürtellinie angreifen und diffamieren.

Solches Verhalten ist ganz und gar nicht göttlich. Es ist auch nicht menschlich, sondern zutiefst unmenschlich. Es fällt uns schwer, sich vorzustellen, dass auch Menschen, die sich unmenschlich verhalten, einen göttlichen Kern in sich tragen sollen.

Dagegen ist es einfacher, schnelle Urteile zu fällen. „Das Monster“ ist eine oft gesehene Schlagzeile, wenn jemand ein besonders grausames Verbrachen begangen hat. Der Mörder von Rupperswil, der 4 Personen grausam umgebracht hat. Oder der Vater, der seine Tochter 24 Jahre lang in ein Kellerverlies gesperrt hat, sie immer wieder vergewaltigte und die daraus gezeugten Kinder ebenfalls im Verlies aufwachsen liess. Solche Taten sind grauenhafte Verbrechen, darüber gibt es nichts zu diskutieren. Und doch müssen wir sagen: Auch diese Menschen sind keine Monster. Es sind Menschen wie du und ich. Menschen, die wie alle anderen auch einen göttlichen Teil in sich tragen, auch wenn wir Mühe haben, uns das vorzustellen. Und wenn wir das konsequent weiterdenken: Also auch ein Hitler, ein Stalin, ein Bin Ladin, Menschen die schreckliches Unheil angerichtet haben, sind und bleiben Menschen, auch wenn sie abgrundtief böse Taten begangen haben. Es ist schwer für uns, das zu akzeptieren. Viel einfacher ist es, jemanden als Monster abzutun, der nichts Menschliches und erst recht nichts Göttliches an sich hat. Wir trennen solche Menschen damit von uns ab und müssen uns nicht mehr damit auseinandersetzen, dass es Menschen gibt, die zu bösem fähig sind, ja, dass eigentlich jeder Mensch je nach Situation zum Bösen fähig ist. Wir können dann einfach behaupten, dass diese Taten mit uns schlicht nichts zu tun haben, denn die Täter waren ja keine Menschen.

Doch nicht jeder Mensch ist ein Schwerverbrecher. Grundsätzlich gilt es, zwischen dem Menschen an sich und seinem Verhalten zu unterscheiden. Wir können die Taten eines Menschen verurteilen, ohne jedoch seine Menschlichkeit, also auch Gottebenbildlichkeit anzuzweifeln. Denn Gottes Ebenbild zu sein bedeutet eben nicht automatisch, ein perfekter und moralisch untadeliger Mensch zu sein. Das wissen wir alle.

Denn der göttliche Kern ist nicht einfach offensichtlich. Er ist oftmals verschüttet und tief verborgen hinter einer dicken Schicht, die wir uns im alltäglichen Leben angeeignet haben, einer Kruste aus Gewohnheiten, Neid, Unsicherheit, Hochmut, Neurosen und Egozentrik. Doch der innerste göttliche Kern bleibt. Und wenn wir diesen in jedem Menschen zumindest vermuten, dann kann es uns vielleicht gelingen, den Anderen anzunehmen wie er/sie ist, auch mit den Fehlern, Schwächen und Unzulänglichkeiten, mit allen Unterschieden und dem, was uns voneinander trennt.

Und auch mich selber kann ich besser annehmen, wenn ich den göttlichen Kern in mir selber sehen kann. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ – das bedeutet nichts anderes, als im Nächsten und in sich selber den göttlichen Anteil wahrzunehmen und zu würdigen.

Denn manchmal gibt es Momente, in denen das Göttliche durchschimmert, in denen wir etwas erahnen können vom Göttlichen im Anderen und in uns selber. Wenn Begegnungen und menschliches Miteinander gelingen, wenn wir menschlich aneinander handeln, wenn wir vergeben können, wenn Versöhnung möglich wird, wenn wir den Anderen trotz seines Andersseins oder seiner Schuld als Mensch sehen und behandeln können, wenn wir unsere eigene Göttlichkeit spüren und die unseres Gegenübers aufleuchten lassen können. Dann sind wir in der Liebe. Und die Liebe kommt von Gott; Gott selber ist die Liebe.

So schliesse ich mit den Worten aus dem 1. Johannesbrief: Gott ist die Liebe. Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm.

 

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